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Juden unserer Heimat

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  Aktuelles (05.11.2008)

Juden unserer Heimat: Skizze der Familie Wertheim, Meerane/Sachsen
Prof. Dr. Lothar Ungerer, Bürgermeister der Stadt MeeraneAnsprache zum 70jährigen Gedenken der Pogromnacht des 9./10. November 1938 im Stadtrat der Stadt Meerane am 4.11.2008„Der Holocaust, der Völkermord an den Juden ist allgegenwärtig. Nichts kann gelöscht werden: nicht die Transporte, nicht die Zwangsarbeit, nicht die Krankheit, der Tod, die Gaskammer, der Mangel an Schlaf, der Hunger, nicht die Demütigungen, die Erniedrigungen, die Schläge, die Schreie. Nein, nichts kann oder darf vergessen werden.“
Simone Veil (geb. 1927, Auschwitzüberlebende, frz., 1979-1982 Präsidentin des Europäischen Parlaments):


1. Prolog

Verfolgt – Vergessen – Neu entdeckt.

Vorliegender Text ist eine Skizze der Meeraner Familien Wertheim und Born, die jüdischer Abstammung waren bzw. sind. Es ist keine lückenlose Geschichte, da einzelne Schicksale nur unvollständig aufgehellt werden können. Anlass ist die 70jährige Erinnerung an die Pogromnacht der Nationalen Sozialisten am 9. November 1938, in der in Deutschland nicht nur über 250 Synagogen und Betstuben brannten. Es wurden etwa 7.500 jüdische Geschäfte, Wohnungen oder Schulen geplündert sowie über 25.000 Juden verhaftet. In der Pogromnacht zogen auch durch Meeranes Straßen die Nationalen Sozialisten unter Führung von SA-Obertruppführer Hauschild, Stadtoberinspektor Büring und NSDAP-Ortsgruppenleiter Koch. Sie zerstörten jüdisches Eigentum und vollzogen Verhaftungen.
Die Meeraner Juden gehörten zur jüdischen Gemeinde Chemnitz, deren Synagoge am Stephanplatz in der Pogromnacht in Brand gesteckt wurde. Insgesamt wurden in der Pogromnacht 189 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Chemnitz verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt.

Dazu zählen auch die Meeraner Juden:

  • Alfred Born (geb. 15.7.1886) – überlebt
  • Leo Neumann (geb. 7.7.1897) – Schicksal unbekannt
  • Ernst Baum – Schicksal unbekannt
  • Leopold Seelig (geb. 25.7.1885) – deportiert
  • Felix Oskar Wertheim (2.11.1895) – ausgewandert
  • Friedrich Wertheim (20.10.1900) – verhaftet in Lugau – 1939 nach Zwickau verzogen – ausgewandert
  • Georg Salzmann (9.1.1889) – verhaftet in Adorf/Vogtland – 1938 an den Folgen der Haft verstorben

Die in der Pogromnacht nach Buchenwald deportierten Juden wurden unter der Bedingung nach und nach wieder entlassen, dass sie auf ihr Eigentum verzichten und mit ihren Familien unverzüglich auswandern.

Mit dem Pogrom begann die verschärfte Verfolgung der deutschen und europäischen Juden, die in ihrer Deportierung und Ermordung ihren Höhepunkt erreichte.

Sinn des Todes der Ermordeten ist die Solidarität der Lebenden und damit die Verpflichtung zur Wahrheit. Dabei ändert sich das Gedächtnis: Heute müssen wir die Erfahrung in Wissen umwandeln, da die Zeitzeugen immer weniger unter uns sind.
2. Ausgangspunkt

Ausgehend von einem „Brief aus Meerane nach Paris, 1935“ mit der Überschrift „Rassenschande“, (vgl. Anlage) veröffentlicht in dem Band von Gerhard und Mira Schoenberner mit dem Titel „Zeugen sagen aus. Berichte und Dokumente über die Judenverfolgung im Dritten Reich“ (Berlin 1988), möchte ich die gegenwärtige Erkenntnislage zum Schicksal der jüdischen Familie Wertheim aus Meerane in Sachsen skizzieren.

Der Schoenberner-Band ist eine Dokumentation der Judenverfolgungen in Deutschland, die im Jahre 1936 bei Editions Carrefour in Paris unter dem Titel „Der gelbe Fleck. Die Ausrottung der 500 000 deutschen Juden“ erschienen ist. Das Vorwort schrieb Lion Feuchtwanger. Das Buch selbst ist eine Sammlung von Zeitungsartikeln und zeitgenössischen Texten aus Deutschland, die belegen, dass die Angriffe auf Leib und Leben der Juden in Deutschland in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft keine Einzelfälle waren, sondern organisierter Terror.

Lion Feuchtwanger (Paris 1936, S.13):

„Das Rezept sieht so aus: Zuerst organisieren die nationalsozialistische Partei, ihre Presse und SA die „Volkswut“ und die Gewaltakte. Dann wird „die Ordnung“ gesichert, die nationalsozialistischen Behörden greifen ein: aber nicht etwa gegen die Gewalttäter, sondern gegen deren Opfer. Am Ende der Maßnahmen steht ein Gesetz, das den Terror sanktioniert, der Gewaltakt erlangt Rechtskraft.“

Die Geschichte der Meeraner Familie Wertheim ist eingebettet in diese Bandbreite nationalsozialistischer Gewalt, die zur Zerstörung einer angesehenen Unternehmerfamilie führte. Die Stadt Meerane hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem jüdischen Leben in unserer Stadt zu gedenken. Mit dem Josef-Wertheim-Weg gibt es in Meerane eine erste Form der Erinnerung an das Wirken der Wertheims.
3. Das Jahr 1933

Mit der Reichskanzlerschaft im Januar 1933 hatten Adolf Hitler und die NSDAP den entscheidenden Schritt vollzogen, der es ihnen ermöglichte, ihren Hass gegen die Juden in die Tat umzusetzen.
Der Terror gegen jüdische Mitbürger begann allgemein unmittelbar nach dem 30. Januar 1933. In Meerane anfangs etwas verhaltener, da die NSDAP über keine Mehrheit verfügte. Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erzielte die NSDAP 41% der Stimmen und war der Vereinten Liste von SPD und KPD unterlegen, die 48% der Stimmen erreichten. Dies änderte sich mit dem Verbot der SPD und der KPD und der Verfolgung ihrer Mitglieder. Danach rollte auch die massive Hetze gegen die wenigen Juden in Meerane.
Die Meeraner Juden bildeten zu keiner Zeit eine eigene Religionsgemeinde. Sie waren der Jüdischen Gemeinde Chemnitz zugehörig, da ihre Gruppe zu klein war. Der jüdische Bevölkerungsanteil lag im Jahre 1933 bei 0,11%. Die Stadt Meerane zählte 1933 mit ihren 27 jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern 24.588 Einwohner.
4. Stationen der Judenverfolgung

Die Hetze entlud sich in Meerane nach außen sichtbar an und um drei Daten:

(1)
„Boykottaktionen“ gegen jüdische Geschäfte ab dem 1. April 1933.

Betroffen war davon auch das etablierte Bekleidungsgeschäft„Hamburger“, das von Frau Frida Blumenthal geführt wurde. Die Hetze der Nazis zerrüttete den inneren Frieden von Frida Blumenthal und führte sie in den Tod.
In seinem Band „Juden in Chemnitz“ beschreibt Jürgen Nitsche die Familie Blumenthal (vgl. S. 244): Die Eheleute Blumenthal lebten bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Meerane (Sachsen) und gehörten damit neben der Familie Wertheim zu den Juden, die in den Jahren 1907 bis 1911 in dieser Stadt als Gemeindemitglieder (der jüdischen Gemeinde Chemnitz) registriert waren. Frida Blumenthal wurde am 26.10.1884 in Plauen als Tochter des Kaufmannsehepaares Marcus Hamburger und Jenny Bernstein geboren. Um 1895 zog die Familie nach Meerane. Marcus Hamburger eröffnete in der Augustusstraße 63 ein gut florierendes Bekleidungsgeschäft (Herren-, Damen- und Kinderbekleidung). Marcus Hamburger verstarb am 26. März 1912 in Meerane, woraufhin seine Witwe Geschäftsinhaberin wurde. Jenny Hamburger verstarb am 5. August 1917. Ihre Tochter Frida, seit Februar 1907 mit dem Kaufmann Julius Blumenthal (geb. 23.9.1878) verheiratet, übernahm 1918 die Leitung des Familiengeschäfts, das weiterhin als Fa. M. Hamburger firmierte. Nach dem Tod ihres Mannes (9. Februar 1919) führte Frida Blumenthal das Geschäft allein weiter, bis sie eines der ersten Opfer des NS-Terrors in Meerane wurde. Sie wurde im Rahmen des für den 1. April 1933 von den Nationalen Sozialisten organisierten „Boykotts“ gegen die jüdischen Gewerbetreibenden verhaftet. Obwohl die damals 48jährige Geschäftsfrau wieder entlassen wurde, „glaubte sie, nicht länger leben zu können“, so die Aussage ihres Neffen Alfred Born (18.3.1955). Frida Blumenthal schied in der Nacht zum 3. April 1933 freiwillig aus dem Leben und fand im Grab ihres Ehemanns auf dem Chemnitzer Jüdischen Friedhof (Grab C 18-10) ihre Ruhestätte.

Ihr Bekleidungsgeschäft übernahm Alfred Born (geb. 15.07.1886 in Forst/Niederlausitz).
Alfred Born wurde in der Pogromnacht von SA-Angehörigen geschlagen und verhaftet. Laden und Wohnung wurden verwüstet. Er kam am 10.11.1938 in das KZ Buchenwald. Am 7. Dezember 1938 wurde er mit der Maßgabe entlassen, Deutschland bis Ende 1939 zu verlassen. Sein Geschäft musste er an Martin Thümmler aus Glauchau verkaufen (so genannte „Arisierung“).
Alfred Born hoffte, in Deutschland bleiben zu können, da er (Träger des EK I) 1934 das „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ verliehen bekam und seine Frau Hedwig (geb. 21.11.1897 in Berlin) nicht jüdischer Abstammung war.

Für die Familie Born entwickelten sich folgende Stationen:

  • 1939 (10.6.) emigrierte Sohn Herbert Born (geb. 27.11.1923) nach Australien.
  • Am 06.11.1939 übersiedelte Alfred Born mit seiner Frau Hedwig, seiner Tochter Martha (geb. 10.10.1921), seiner Mutter Regina (geb. 16.05.1862) und seiner Schwester Paula (geb. 19.01.1888) nach Berlin.
  • 1942 wurde Regina Born mit 80 Jahren in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie im November 1942 den Tod fand.
  • Alfred Borns Schwester Paula wurde am 27.02.1942 nach Osteuropa deportiert, wo sich ihre Lebensspuren verloren; es gibt Hinweise, dass sie 1943 in einem der östlich gelegenen Konzentrationslager ermordet wurde.
  • Alfred Born überlebte mit seiner Frau und seiner Tochter die Nazi- Zwangsarbeit.
  • 1945 kehrten sie nach Meerane zurück; Alfred Born übernahm Mitte August wieder sein Geschäft.
  • 1950 wanderten die Borns zu ihrem Sohn bzw. Bruder Herbert nach Australien aus.
  • 1955 kehrte Alfred Born alleine nach Meerane zurück. Er verstarb am 26.06.1958; seine Urne wurde auf dem jüdischen Friedhof in Plauen beigesetzt. Am Grab seines Vaters Jakob Born (16.06.1860 – 08.08.1913) ließ er nach seiner Rückkehr eine Gedenkinschrift für seine im KZ Theresienstadt ermordete Mutter anbringen.

(2)
Die „Rassenschande“ im Vorfeld des Beschlusses der antisemitischen Nürnberger Gesetze beim Reichsparteitag der NSDAP am 15. September 1935.
Die Nürnberger Gesetze beinhalteten das „Reichsbürgergesetz“ und das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre.“
Nach einer Denunziation wegen angeblicher „Rassenschande“ kam Herr Willy Wertheim zu Tode.

(3)
Der staatlich organisierte Pogrom gegen die Juden in Deutschland am 09. November und 10. November 1938, der in Meerane am 10. November zu massiven Aktionen gegen jüdische Geschäfte und Unternehmen führte, so auch gegen die Wertheimsche Chemische Fabrik Meerane.


5. Die Chemische Fabrik Meerane der Familie Wertheim

Die Fabrik wurde am 25. 04.1888 von Herrn Dr. Louis Hermann Hofmann unter der Firmenbezeichnung „Firma Dr. H. Hofmann“ gegründet.
Am 15.08.1890 erfolgte eine Übernahme der Firma durch Herrn Josef Wertheim. Bis zum 31.12.1913 trug sie den Firmennamen „Firma Dr. Hofmann Nachfolger“.
Mit dem 01.01.1914 erfolgte die Umbenennung in „Chemische Fabrik Meerane m.b.H.“. Gesellschafter waren Josef Wertheim und Paul Halberstadt.
Im Jahre 1918 erweiterte sich das Unternehmen durch den Zukauf der Firma „Chemische Fabrik Lugau AG“.

In der Wertheim-Tradition steht heute das argentinische Industrieunternehmen Meranol, das 1942 in Buenos Aires gegründet wurde. Auf der Internetseite des Unternehmens (www.meranol.com.ar) ist nachzulesen:

 Meranol: tradition in the chemical industry since 1888 

Meranol established in Argentina since 1942 succeeds CHEMISCHE FABRIK MEERANE mbH , a German chemical company founded by Josef Wertheim operating since 1888 in Meerane and Lugau (Saxony, Germany).


6. Familie Wertheim
Die Familie Josef Wertheim war eine sehr angesehene Meeraner Unternehmerfamilie. Das Familiengrab Wertheim gibt Aufschluss über das Schicksal der Familienmitglieder. Es existiert seit 1935. Die Grabkarte der Friedhofsverwaltung hält den 15.02.1935 als Nutzungsbeginn fest. Am 15.02.1935 fand die Beerdigung von Frau Else Wertheim (geb. David) statt. Sie verstarb im Alter von 69 Jahren.
Nach derzeitiger Erkenntnislage ergeben sich für die Familie Wertheim folgende gesicherte Lebensdaten:

Ehepaar Wertheim

Josef Wertheim
Geb. 11.08.1859
Deportation KZ Theresienstadt
Gest. 05.02.1942

Else Wertheim geb. David
Geb. 27.09.1865 (Dresden)
Gest. 11.02.1935 (Meerane)

 Söhne Wertheim

 Willy Wertheim
Geb. 15.07.1893 (Meerane)
Schutzhaft KZ Sachsenburg – schwere Misshandlungen mit Todesfolge
Todesdatum 11.09.1935 – Stadtkrankenhaus Chemnitz

 Felix Oskar Wertheim
Geb. 02.11.1895 (Meerane)
Gest. 02.08.1957 (Buenos Aires)

Friedrich Walter Wertheim
Geb. 20.10.1900 (Meerane)
Gest. 02.05.1985 (Buenos Aires)

7. Josef Wertheim
Josef Wertheim wurde in der Folge des November-Pogroms im Alter von 79 Jahren in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sein Todesdatum ist der 5. Februar 1942.

Ältere Juden kamen in das Konzentrationslager Theresienstadt, das auch als Altersghetto bezeichnet wird. Jeder nach Theresienstadt Deportierte erhielt eine Urkunde über die Beschlagnahmung seines Besitzes. Dies wurde mit der angeblichen Staatsfeindlichkeit der Juden begründet. Die Lebensbedingungen waren so schlecht, dass die älteren Ghettoinsassen keine großen Überlebenschancen hatten.
Das Unternehmen der Wertheims wurde enteignet.
Der NSDAP-Chef eines Meeraner Stadtbezirks, Erich Erichsen, übernahm die Fabrik. Nach dem Krieg floh er aus Meerane. Es gibt Hinweise darüber, dass sich Erich Erichsen die Fabrik bereits im September 1939 aneignete.

 
8. Felix Oskar und Friedrich Walter Wertheim

Felix Oskar Wertheim wurde in der Pogromnacht verhaftet und kam am 10.11.1938 in das KZ Buchenwald. Nach seiner Entlassung emigrierte er nach Argentinien.
Friedrich Walter Wertheim wurde in der Pogromnacht in Lugau verhaftet und kam am 10.11.1938 in das KZ Buchenwald. Nach seiner Entlassung verzog er 1939 nach Zwickau und emigrierte dann nach Argentinien. Beide überlebten durch ihre Emigration den NS-Terror und gründeten 1942 in Buenos Aires das bereits erwähnte Unternehmen Meranol.
9. Willy Wertheim

Ziel der antijüdischen SA-Hetze wurde vor allem Josef Wertheims Sohn, Willy Wertheim, der wegen seiner Verlobten Charlotte Gertrud Ahnert der „Rassenschande“ bezichtigt wurde. Denunziant war Paul Alber, der in einem Gerichtsverfahren in den Jahren 1948/49 zu NS-Verbrechen deshalb verurteilt wurde (LG/BG Chemnitz 490715 Az.: (5)KStKs153/48 (59/48) und OLG Dresden 491022 Az.: 21 ERKs238/49).

Willy Wertheim wurde als Soldat im 1. Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Er war davon überzeugt, dass ihn diese Auszeichnung vor den Nationalsozialisten schützen würde. Er war mit der Meeranerin Charlotte Gertrud Ahnert verlobt. Aufgrund der Denunziation wurde Willy Wertheim im September 1935 in das Konzentrationslager Sachsenburg verschleppt und schwer misshandelt. Er starb Tage später am 11.09.1935 im Chemnitzer Stadtkrankenhaus an den Folgen der Misshandlungen.

Unter Aufsicht der SA wurde er nach seinem Tod am 13.09.1935 auf dem Meeraner Friedhof beerdigt. Die Teilnahme an der Beerdigung war sehr gewagt. Der aus Chemnitz kommende Sarg durfte nicht mehr geöffnet werden. Es war zur Beerdigung niemandem klar, ob man die schweren Verletzungen nicht sehen sollte oder ob der Leichnam überhaupt nicht im Sarg war.

Exkurs KZ Sachsenburg

Unterhalb des Schlosses Sachsenburg an der Zschopau in der damals stillgelegten Spinnerei Tautenhahn wurde Anfang Mai 1933 eines der ersten Konzentrationslager, das KZ Sachsenburg, errichtet. 50 bis 60 Häftlinge, meistens Arbeiterfunktionäre aus Chemnitz, gehörten zu jenen, die im Mai 1933 dieses Lager errichten mussten. Dazu kamen noch 40 Häftlinge aus dem KZ Plaue (bei Flöha), die man am 2. Mai 1933 nach Sachsenburg deportiert hatte. Ihre Bewachung erfolgte durch SA und SS. Kommandant war SA-Standartenführer Max Hähnel.

Das KZ Sachsenburg bestand bis zum 9. Juli 1937. Die meisten Häftlinge wurden dann nach Buchenwald verlegt, wo sie bei der Errichtung des KZ Buchenwald mitwirkten und nach Fertigstellung dort inhaftiert blieben. Die Häftlinge mussten in Sachsenburg zwischen 1933 und 1937 unter unmenschlichen Bedingungen Arbeiten verrichten, so schwerste Arbeit im nahegelegenen Steinbruch und beim Bau von Uferbefestigungen.  Das Lager war für 3.000 Häftlinge ausgerichtet.

Nach unvollständigen Unterlagen, die 1945 im Gemeindeamt Sachsenburg vorlagen, wurden 11 Häftlinge ermordet. Wie viele Menschen infolge der grausamen Misshandlungen starben, ist unbekannt. Zu diesen Opfern gehört auch Willy Wertheim.

10. Charlotte Gertrud Ahnert
Willy Wertheims Verlobte, Frau Charlotte Gertrud Ahnert (geb. 08.05.1905 in Meerane), kam nach seiner Deportation in das KZ Sachsenburg in „Schutzhaft“ in das Zwickauer Gefängnis. Sie sollte „vor der angeblich aufgebrachten Bevölkerung geschützt“ werden. Sie hat die Haftzeit ohne bleibende körperliche Schäden überstanden. Die seelischen Schäden hat sie Zeit ihres Lebens nicht überwunden.
Frau Charlotte Gertrud Ahnert lebte bis zu ihrem Tod am 26.03.1974 in Meerane. Sie ist ledig verstorben, da sie nie wieder eine Bindung eingegangen ist.
Ihr Antrag, nach 1945 als Opfer des Faschismus anerkennt zu werden, wurde mit der Begründung der DDR-Behörden abgelehnt, sie habe ja nur im Gefängnis gesessen und nicht im Konzentrationslager.
11. Epilog

Das Schicksal der in der Pogromnacht verschleppten Meeraner Leo Neumann, Leopold Seelig und Ernst Baum ist unbekannt. Es ist davon auszugehen, dass sie ihre weiteren Deportationen nicht überlebten.
Georg Salzmann führte in der Augustusstraße 53 erfolgreich ein Schuhgeschäft. Unter dem Druck des zunehmenden NS-Terrors beschloss Georg Salzmann im Frühjahr 1938 seinen Laden aufzugeben und mit der Familie aus Deutschland auszuwandern. Georg Salzmann kehrte am 2. Dezember 1938 aus der Krankenabteilung des KZ Buchenwald todkrank zurück. Er verstarb mit 49 Jahren am 9. Dezember 1938 an einer nicht zu diagnostizierenden Infektion oder Vergiftung. Als „amtliche Todesursache“ wurde „Bronchial-Rachenkatarrh, Herzschwäche“ angegeben. Begraben ist Georg Salzmann auf dem Jüdischen Friedhof Plauen.

Ich schließe mit dem ehrenden Gedenken an alle jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt, die in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 vertrieben oder verschleppt oder ermordet wurden.


Literaturhinweise:
Der Gelbe Fleck. Die Ausrottung von 500 000 deutschen Juden Mit einem Vorwort von Lion Feuchtwanger. Editions du Carrefour Paris 1936.

Krause, Willibald/Philipp, Oskar: Heimatbuch der Stadt Meerane. Meerane i. Sa. 1930.

Nitsche, Jürgen und Röcher, Ruth (Hg.): Juden in Chemnitz. Die Geschichte der Gemeinde und ihrer Mitglieder. Dresden 2002.

Schoenberner, Gerhard/Schoenberner, Mira: Zeugen sagen aus. Berichte und Dokumente über die Judenverfolgung im Dritten Reich. Berlin 1988.

http://www.meranol.com.ar


Anlage
: Brief aus Meerane

Quelle: Schoenberner, Gerhard/Schoenberner, Mira: Zeugen sagen aus. Berichte und Dokumente über die Judenverfolgung im Dritten Reich. Berlin 1988. S.45.

 

 

 
 

Written by freundisraels

2010/04/07 um 13:14

Veröffentlicht in Allgemeines

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