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Juden in der DDR

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Vera Lengsfeld 

Juden in der DDR- Ein Vortrag an der Universität Haifa

Das Schicksal von Juden und Jüdischen Gemeinden in der DDR ist ein Indikator für die wahren gesellschaftlichen und innenpolitischen Verhältnisse des Landes.
Es ist auch ein Beleg für das Auseinanderklaffen von ideologischem Anspruch und gesellschaftlicher Wirklichkeit im selbsternannten „ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden“. Seit den frühen fünfziger Jahren gehörten nach Darstellung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, also der Regierungspartei der DDR, „Faschismus und Antisemitismus der historischen Vergangenheit“ an.
Was den „Antifaschismus“ angeht, so verhinderte vor allem die nachdrückliche Weigerung der Partei-, und Staatsführung der DDR, eine Mitverantwortung für die Verbrechen der Nazizeit anzuerkennen, eine differenzierte und selbstkritische Beschäftigung der nachwachsenden Generationen mit den Verbrechen des NS-Regimes. Der verordnete Antifaschismus in der DDR und seine unseligen Folgen, die er bis heute hat, sind nicht Gegenstand dieses Vortrages und können nur benannt, nicht näher untersucht werden.
Was den Antisemitismus angeht, hat es ihn in der DDR in offener Form nicht gegeben, weil es an Juden fehlte, gegen den er sich richten konnte. Es gab aber sehr wohl verdeckten Antisemitismus in Form einer militanten, als Antizionismus getarnten Israelfeindlichkeit der Partei-, und Staatsführung .
Über das Schicksal der Juden in der DDR geben zunächst nüchterne Zahlen Auskunft: Unmittelbar nach Kriegsende lebten noch etwa 3.500 Juden in dem Gebiet der Sowjetisch besetzten Zone, dem späteren Staatsgebiet der DDR. Das waren Menschen, die Konzentrationslager überlebt hatten, als „Untergetauchte“ oder als Partner in so genannten „privilegierten Mischehen“ gerettet worden waren. Ein nicht unbeträchtlicher Teil war aus der Emigration in die Sowjetisch Besetzte Zone zurückgekehrt, weil sie sich als Kommunisten hier die Verwirklichung ihrer Ideale erhofften. Unter diesen Menschen waren einige, die in den kommenden Jahren das politische, wissenschaftliche und kulturelle Leben der DDR prägten: Albert Norden, Hermann Axen als Mitglieder der Partei-, und Staatsführung, Gerhard Eisler , Gerhard Leo als führende Journalisten, Mitja Rappoport und Albert Wollenberger als Wissenschaftler, Ernst Bloch, Arnold Zweig, Anna Seghers, Stefan Heym, Walter Victor, Walter Felsenstein, Helene Weigel als Kulturschaffende und Philosophen. Für das Judentum in der DDR spielten diese bekannten, prägenden Persönlichkeiten keine Rolle, weil sie sich nicht mehr als Juden verstanden, bzw. ihr Judentum für die Öffentlichkeit unkenntlich gemacht wurde. Von Anna Seghers, eine sehr einflussreiche Schriftstellerin, deren Buch „Das siebte Kreuz“ zur Schullektüre gehörte und als Kommunistin wahrgenommen wurde, erfuhr ich erst Anfang der 80er Jahre, als ich selber Schwiegertochter eines jüdischen Kommunisten wurde, dass sie zu den Verwandten meines Schwiegervaters gehörte. Als ich die hochbetagte Dame besuchte, stellte ich fest, dass ihr Judentum für sie tatsächlich keine Rolle mehr spielte, für ihre Tochter aber sehr wohl.
Dieses Phänomen trifft auf viele Kinder jüdischer Kommunisten zu.

Unmittelbar nach dem Krieg war die sowjetische Besatzungsmacht gegenüber den überlebenden Juden großzügig. Schon am 11.Mai 1945 konnte der Rabbiner Martin Riesenhuber einen ersten Sabbat-Gottesdienst in der Feierhalle des Jüdischen Friedhofs in Berlin-Weißensee halten. Aber bereits 1947 begann die Verfolgung von Juden durch Kommunisten: Der erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlins Erich Nelhaus wurde von der sowjetischen Staatsicherheit verhaftet und wegen angeblicher Begünstigung sowjetischer Deserteure zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nelhaus blieb im Gulag verschollen.
Ab dem Winter 1946 kamen verstärkt Menschen zur Jüdischen Gemeinde, die zu Tausenden vor den Progromen der Nachkriegszeit in Polen geflohen waren. Sie waren weitgehend von den religiösen und kulturellen Traditionen des osteuropäischen Judentums geprägt, die sich als schwer kompatibel mit den Normen einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft erwiesen. Im November 1946 zählte die Jüdische Gemeinde in Berlin 7274 Mitglieder, von denen zunächst 2442 im Ostteil der Stadt lebten. Nach einer Volkszählung von 1946 gab es neben den Ostberliner Juden 435 Juden in Sachsen –Anhalt, 428 in Thüringen, in Brandenburg 424, in Mecklenburg 153 und in Sachsen 652 Juden. Insgesamt lebten auf dem Territorium der künftigen DDR 1946 noch 4500 Juden, das entspricht dem Zehnfachen der Anzahl, die 1990 noch in der DDR zu finden war.
Charakteristisch für den Umgang der Kommunisten mit jüdischen Verfolgten des Naziregimes ist folgender Vorfall, der sich in Leipzig im Oktober 1945 ereignete.  Dort lebten etwa dreihundert Menschen, Überlebende der Lager Theresienstadt und Osterode im Harz, einem Nebenlager des berüchtigten KZ Dora. Unter diesen Menschen gab es etwa 80, die nur mit dem, was sie am Leibe trugen aus den Lagern zurückgekehrt waren und über keine Winterkleidung verfügten. .Diese Überlebenden wandten sich deshalb an den Leipziger Oberbürgermeister Zeigner mit der Bitte, um Bereitstellung von Pelzen für den Winter, als Kompensation für die in der Nazizeit zwangsweise abgelierten Rauchwaren. Die offizielle Antwort des Amtes“ für „Verfolgte Leipziger“ erfolgte in einem Stil, der sich später als typisch für den Umgang der DDR-Behörden mit ähnlichen Forderungen erweisen sollte: „ Den Juden wurden diese Pelze nicht aus politischen Gründen weggenommen, sondern weil sie Juden waren…. Im Ganzen können die Juden nicht als „antifaschistisch“ bezeichnet werden. ..Sie waren passive Opfer der NS-Kriegsführung. .Eine Wiedergutmachung halten wir nicht für zweckmäßig.“ Verständlich, dass sich nach dieser und ähnlicher Entscheidungen die Zahl der Juden nicht nur in Leipzig schnell verringerte. Ich müsste an dieser Stelle etwas zu den Auswirkungen des Slansky- Prozesses in der CSSR auf die DDR sagen, möchte das aber aus Zeitgründen auslassen, weil ich davon ausgehe, dass die Folgen des Stalinistischen Antisemitismus relativ gut bekannt und beschrieben sind. Weniger bekannt ist, wie Juden in der DDR in den siebziger und achtziger Jahren gelebt haben und welche Rolle die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen an Juden in der Opposition der DDR spielte, der ich angehörte.
Wieder aus Gründen der Zeitbeschränkung nur ein Beispiel: Mitte der 80er Jahre plante das Politbüro der SED, eine Straße durch den größten Jüdischen Friedhof in Ostberlin zu bauen. Es berief sich darauf, dass seinerzeit beim Verkauf des Landes an die Jüdische Gemeinde der Berliner Senat zur Bedingung gemacht hatte, dass in der Mitte des Friedhofes ein freier Streifen bleiben sollte, auf dem irgendwann eine Straße gebaut werden könnte, sollte die Vergrößerung der Stadt dies erfordern. Die Jüdische Gemeinde Ostberlins erhob keinen Einspruch gegen den geplanten Straßenbau, weil zeitgleich die Synagoge Rykestraße und die Synagoge in der Oranienburger Straße rekonstruiert werden sollten. Auch der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin –West, Heinz Galinski, stellte sich hinter das Vorhaben des Politbüros. Nur ein paar Bürgerrechtler konnten und wollten sch nicht damit abfinden, dass mitten durch den Jüdischen Friedhof eine Straße entstehen sollte, weil das Politbüro unbehelligt vom Stadtverkehr in seine Büros fahren wollte. Wir waren der Auffassung, dass nach den an Juden begangenen Verbrechen, alte Vereinbarungen nicht mehr galten. Wir begannen, die Öffentlichkeit zu informieren. Binnen Kurzem war der Protest so stark geworden, dass der Plan aufgegeben werden musste.
Nun zu zwei Beispielen von jüdischen Schicksalen in der späten DDR.
Gabriel Berger wurde als Sohn eines jüdischen Kommunisten in einem Versteck in Frankreich geboren. Nach der Niederschlagung
des Naziregimes ging der Vater Leibusch, später Leon Berger, mit seiner Familie zunächst nach Belgien, dann nach Polen, dem Land seiner Vorfahren, um den Kommunismus aufbauen zu helfen. Die Veränderungen in der Kommunistischen Partei Polens nach Stalins Tod trieb die Familie in die DDR, wo sich der Vater eine Fortsetzung seines Dienstes an der kommunistischen Sache versprach. Nach ihrer Übersiedlung in die DDR sagte der Vater wörtlich zu seinen Kindern: „ Eure jüdische Herkunft behaltet bitte für euch. Sie ist ohne jeden Belang und hat niemanden zu interessieren. Am besten, ihr vergesst sie ganz.“
Gabriel vergaß seine jüdische Herkunft zunächst und wurde erst als Student in Dresden wieder daran erinnert, als er Antisemitismus bei gleichaltrigen Kommilitonen bemerkte, die wie er, die Nazizeit nicht bewusst erlebt hatten, dafür durch die verordneten antifaschistischen Schulungen gegangen waren. Zum zweiten Mal während des 6-Tage-Krieges, als er erlebte, wie die DDR-Bürger ihrer Regierung die Gefolgschaft im Kampf gegen den Zionismus verweigerten. Trotz massivster antiisraelischer Propaganda in den Medien, war die Bevölkerung auf Seiten der Israelis. Während in allen Betrieben, Institutionen und Schulen Protestresolutionen gegen den Zionismus unterschrieben werden mussten, bangten die Menschen in ihren Privatgesprächen um das Schicksal der Israelis. Anlässlich einer Anti-Israel- Versammlung in der Universität, bekannte sich Gabriel zum ersten Mal zu seinem Judentum: “Als Jude habe ich die moralische Pflicht, Israel zu unterstützen“. Dieser Auftritt blieb ohne Folgen für Berger, so wie viele seiner späteren Aktionen gegen das DDR-Regime, dem er zum Schluss mit allen Mitteln zu entkommen suchte, ohne Folgen blieben. Als anerkannter Verfolgter des Naziregimes
hatte man in der DDR eine gewisse Narrenfreiheit. Erst als Gabriel nicht aufhörte, seine Ausreise aus der DDR zu betreiben, wurde er von der Staatssicherheit verhaftet.
Es gelang ihm mit der ihm eigenen Energie und Erfindungsgabe immer wieder, seine Isolation und sein Schreibverbot zu durchbrechen. Zuerst, indem er auf dem Boden seiner Waschschüssel, den er dick mit Seife einrieb, Formeln herleitete.
Als ihm die Schüssel weggenommen wurde, weil ein Gefangener der
Staatssicherheit untätig in der Zelle zu verharren hatte, setzte er seine jüdische Herkunft zum ersten Mal im Widerstand gegen seine Kerkermeister ein. Er klebte mit Hilfe von Seife einen Davidstern aus Toilettenpapier an die Zellenwand. Daraufhin wurden ihm Zahnpasta und Seife nur noch morgens zur Verfügung gestellt und Toilettenpapier bekam er nur noch auf Anfrage. Gabriel fand heraus, dass er mit dem Gummistöpsel des Waschbeckens
an die Wand schreiben konnte. Das brachte ihm Haft in der Gummizelle ein. Den Wärtern blieb längere Zeit verborgen, was Berger als Schreibgerät einsetzte, so gelang es ihm mehrmals, den Davidstern an die Zellenwand zu malen und seine Peiniger schriftlich anzuklagen. Seinen Vernehmer verwickelte er immer wieder in Diskussionen über die Unwilligkeit der SED-Führung, sich zu einer ostdeutschen Mitverantwortung an den Naziverbrechen zu bekennen.  Schließlich wurde ihm im Gefängnis mitgeteilt, dass ihm sein Status als Verfolgter des Naziregimes aberkannt worden sei.
Obwohl dies ein bloßer Willkürakt war, denn sein Status als Verfolgter des Naziregimes hatte nichts mit seinen politischen Ansichten zu tun, dauerte es nach der Vereinigung bis zum Jahr 2001, ehe durch das Sozialgericht Düsseldorf diese Aberkennung seines Verfolgtenstatus aufgehoben wurde.
Der zweite Fall, das Schicksal von Salomea Genin , habe ich ausgewählt, weil sie zum ersten Mal in einer Oppositionszeitung, den „Umweltblättern“, über ihre Erlebnisse und Erfahrungen in der DDR berichten konnte. Sie veröffentlichte ihren Text unter dem bezeichnenden Titel.“ Wie ich in der DDR von einer jüdisch- sich-selbst- hassenden Kommunistin zu einer Jüdin wurde.“
Frau Genin, Tochter einer polnisch-jüdischen Mutter, landete zunächst in Australien, wo sie Mitglied der Kommunistischen Partei wurde.
Im Jahre 1951 besuchte sie als Mitglied der australischen Delegation die DDR während der Weltfestspiele der Jungend“ und beschloss, in die DDR auszuwandern. Hier wurde sie zunächst mit offenen Armen aufgenommen. Sie wurde Hörfunkjournalistin. bei Radio Berlin International. Schon bald bekam sie wegen ihrer unkonventionellen Beiträge, in denen sie unbefangen auch Schwachstellen der DDR kritisierte, Schwierigkeiten.  Man entfernte sie aus der journalistischen Arbeit mit der Begründung, ihre Dienste als Übersetzerin würden dringend gebraucht. Was sie zunächst aus Loyalität zur DDR glauben wollte, durchschaute sie schließlich als Lüge. In Wirklichkeit hatte sie ein verdecktes Schreibverbot. Ihre Kleidung sie zu auffällig für die DDR sagte ihr ein wohlmeinender Freund noch, sie solle sich hier, sowie in ihren Meinungsäußerungen, weniger freizügig zeigen.
Auch Genin hätte ihre jüdische Herkunft fast vergessen, wenn sie nicht durch den 6-Tagekrieg daran erinnert worden wäre. Mit ihrem Entsetzen über die Israel-Hetze der Partei-, und Staatsführung begann ihre Abwendung vom System, die aber bei Genin erheblich länger dauerte, als bei Berger, denn sie hatte sich das Land selbst gewählt. Es endete damit, dass sie in der DDR nicht mehr publizieren konnte, es sei denn, in einer Oppositionszeitschrift. Inzwischen war ihr Misstrauen so groß geworden, dass sie ihre eigenen Matrizen mitbrachte, damit niemand ihren Text verändern konnte. Bald nach der Publikation war es mit der DDR, unter der Genin zum Schluss so gelitten hatte, vorbei.
Dies sind zwei, keineswegs untypische ,jüdische Schicksale in der DDR.
Auch wenn in den 80er Jahren eine Änderung in der Politik der SED eintrat, weil Honecker davon träumte, als Staatsgast in die USA reisen zu dürfen und deshalb aktiv versuchte, amerikanische Juden für sich einzunehmen, blieb das Verhältnis zu den Juden und den Jüdischen Gemeinden immer instrumentell. „Einerseits ist man an der Existenz einer jüdischen Gemeinde als Demonstrationsobjekt interessiert, andererseits kann man sie nicht wirklich als gültiges Element der sozialistischen Gesellschaft akzeptieren. wie man den Antisemitismus als eine Erscheinungsform der Vergangenheit betrachtet, so auch das Judentum.“, sagt der Jude Peter Honigmann in seiner Untersuchung über Antisemitismus in der DDR.
Bekanntlich hat das Judentum ,wie so vieles, auch die DDR überlebt.

Written by freundisraels

2010/04/08 um 13:11

Veröffentlicht in Allgemeines

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