Schofar of E-rez Jis-ra-el

Sch´mah Israel JHWH Eloheim JHWH Echad 5 Mose 6:4

2000 JAHRE CHRISTEN GEGEN JUDEN

with one comment

 

2000 Jahre Christen gegen Juden

Zu Ursachen und Wirkungen einer Konstante des sogenannten christlichen Abendlandes

 


Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an…er ist ein Lügner und ist der Vater der Lüge.

Jesus zu den Juden, nach Joh. 8,12/ 44

Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen…In dieser Stunde muß die Stimme des Mannes gehört werden, der als der deutsche Prophet im 16. Jh. einst aus Unkenntnis als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen…der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.

Martin Sasse, ev. Landesbischof von Thüringen, 1938

Wo, Pater Benedikt, bist du gewesen, als sie unseren Bruder geholt haben wie Schlachtvieh, wo?

Max Frisch, Andorra

I. Einführung

Trotz jahrzehntelanger Bemühungen ist die Gesamtthematik Judenfeindschaft (JF) in Deutschland immer noch unzureichend aufgearbeitet. Das zeigt die Verlogenheit der Goldhagen-Kontroverse im Jahr 1996. Denn Goldhagens Fakten sind unbestritten, und sie sind auch nicht grundsätzlich neu. Die zahlreichen Kritiker Goldhagens haben nicht dessen großes Verdienst hervorgehoben, die Perspektive zu wechseln und die Motive der Täter aufschlußreich zu erforschen. Stattdessen haben sie ihm wutschnaubend der Sache nach vorgeworfen, nicht ein anderes Buch geschrieben zu haben, nämlich eines, in dem auch der teils scharfe, teils ebenfalls „eliminatorische“, d.h. total ausgrenzende oder gar mörderische Antisemitismus in anderen Ländern eine gebührende Rolle spielte, so in Rußland, Polen, Rumänien, Ungarn, Frankreich, USA und anderen. Auf die sicher vorhandenen Mängel des Buchs, etwa seine Überheblichkeit, ist hier nicht weiter einzugehen. Merkwürdig ist jedoch die Tatsache, daß Goldhagen zwar einiges über die typisch christliche JF in der europäischen Geschichte schreibt und scharf den Antisemitismus in den deutschen Kirchen anprangert, dafür aber gerade nicht kritisiert wird. Dabei erklärt er immerhin im Rahmen einer umfangreichen Faktensammlung:

Der moralische Bankrott der deutschen Kirchen, der protestantischen wie der katholischen, war so umfassend und erbärmlich, daß er weit größere Aufmerksamkeit verdiente, als ihm hier zuteil werden kann. (S. 137 der dt. Ausg.)

Man kann sich fragen, ob G. nicht stellvertretend geprügelt wurde für solche Aussagen, die unerwünscht, aber wahr und deshalb schwer kritisierbar waren.

2. Was ist nun der Kern der Religionsgeschichte, die dem vorausgeht? Die Judenfeindschaft, seit etwa 120 Jahren auch – sprachlich verunglückt – Antisemitismus genannt, ist in Entstehung und Wirkung komplex. Bei den Theologen ist sie zumindest seit einigen Jahrzehnten verpönt, sie sprechen aber – bezogen auf die Kirchen – lieber von Antijudaismus. Das Verhängnis der abendländischen Geisteskrankheit JF gipfelt bekanntlich in „Auschwitz“. Hierzu hat Gunnar Heinsohn 1995 nicht weniger als 42 bekanntere Theorien zusammengestellt, denen er eine ernstzunehmende weitere hinzufügt. Die große, ja zentrale Bedeutung des religiösen Aspekts der JF wird kaum bestritten, aber im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus immer noch gern ignoriert. Dabei war die JF von Anbeginn Bestandteil der sogenannten christlich-abendländischen Kultur und ist es in Restbeständen noch heute. Sie ist zwar bestens erforscht, wird aber trotzdem als Thema in der Alltagswelt immer noch etwas tabuisiert, wie religiös-weltanschauliche Themen allgemein. Das hat Gründe.

3. Noch heute beliebt ist hierzulande die Theorie, die gigantischen Untaten zur NS-Zeit seien in erster Linie die eines verbrecherischen und gottlosen Systems. Diese Aussage trifft aber allenfalls in einem unmittelbar-vordergründigen Sinn zu und verdeckt weit mehr, als sie zu erklären vermag. An der am 16.3.1998 vom Vatikan veröffentlichten Erklärung „Wir erinnern – Eine Reflexion über die Shoah“ ist demgegenüber jedenfalls die Fragestellung richtig. Ich zitiere aus Abschnitt II: „Die Tatsache, daß die Shoah in Europa stattfand, d.h. in Ländern mit einer langen christlichen Zivilisation, wirft die Frage nach der Beziehung zwischen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und der Haltung der Christen gegenüber den Juden während der Jahrhunderte auf.“ Das Dokument enthält im übrigen, wie es in der Süddeutschen Zeitung zutreffend, aber noch zurückhaltend hieß, „einige Geschichtsglättungen“ (SZ 17.3.1998 S.4). Im Gegensatz hierzu steht etwa die klare Aussage in dem von Franz Kardinal König 1988 begründeten „Lexikon der Religionen“: „Ohne die nahezu 2000 Jahre christlicher Judenfeindschaft ist Auschwitz nicht möglich gewesen…Der Antijudaismus der Christen…entlarvt sich in jeder Form als Ideologie.“ (a.a.O., 1988, TB-Ausg. 1995, Art. Antijudaismus/Antisemitismus). Eine solche Erkenntnis ist im deutschen Protestantismus schon seit langem auch offiziell zu Hause.

4. Die These „ohne religiöse Judenfeindschaft kein Auschwitz“ bezeichnet selbstverständlich nur einen Strang aus der Reihe zusammen notwendiger Ursachenkomplexe. So gilt z.B.: ohne Weltwirtschaftskrise und ohne rassisch-völkischen Antisemitismus kein Hitler; ohne Krieg kein systematischer Judenmord, und ohne Untätigkeit der wohlinformierten politischen Führung der Westmächte kein Genozid dieses Ausmaßes. Ich komme nun zu den Anfängen der religiösen Judenfeindschaft.

II. Die christliche Antike

1. JF ab es schon seit dem 5. vorchristlichen Jh., als die Juden in zahlreichen Ländern ansehnliche Diasporagemeinden gründeten. Sie wurzelte in der allgemeinen Abwehr des Fremden, hier verstärkt durch die andersartige, nämlich streng monotheistische Religion. In römischer Zeit kam es sogar vereinzelt zu Pogromen, obwohl Rom grundsätzlich die Religionen der beherrschten Völker aus Machtkalkül tolerierte und ihre Gleichstellung garantierte. Im Gegensatz dazu stand freilich die überaus harte Herrschaft im besetzten jüdischen Land. Die antike Judenfeindschaft ist ein gesondert zu behandelndes Spezialthema, dessen Kern allgemein-kultureller und nicht speziell religiöser Natur ist.

2. Das Spannungsverhältnis zwischen Hellenismus und Judentum, römischem Machtanspruch und jüdischem Freiheitsdurst wandelte sich mit dem erstarkenden jungen Christentum, das sich in Form des paulinischen Heidenchristentums zwangsläufig vom Judentum abgrenzte. Der Antagonismus zwischen der judenchristlichen und heidenchristlichen Richtung kommt bekanntlich schon in der Apostelgeschichte zum Ausdruck. Gerade Verwandtes sucht gern die scharfe Abgrenzung, und so herrschte zwischen Juden und paulinischen Christen von Anfang an gegenseitige Feindschaft, in deren Mittelpunkt zunächst das Messiasproblem stand. Dieses gehörte zum Kern der neutestamentlichen Überlieferung, und auf dieser fußte der christliche Judenhass. Jesus als Christus, als Gesalbter bzw. Messias, ist eine theologische Komposition. Angesichts einer äußeren Lebensgeschichte, die in einer Katastrophe endete, bedurfte sie einer Legitimation. Sie erfolgte in den beiden überlieferten Stammbäumen Jesu, wonach dieser, bei aller Unterschiedlichkeit der Stammbäume im übrigen, nicht nur von Abraham (bei Matthäus, 1,1) bzw. Adam (bei Lukas, 3,23), sondern jeweils auch von König David abstammte (und bei Josef endete, was mit der Jungfrauengeburt nicht zusammenpasst). Auf diesen Messias werden nachträglich Weissagungen des jüdischen AT bezogen, so dass die Juden ihren eigenen Messias verkannt und umgebracht haben: wider besseres Wissen, das in ihren heiligen Schriften enthalten ist. Diese Verstocktheit des Unglaubens steigert sich natürlich mit der Vergottung des Jesus aus Galiläa. JF ist im Ergebnis nichts anderes als die Kehrseite der Christologie (Lüdemann 111 ff.; Ruether 112). So gesehen ist die JF das existenzstiftende Moment des Christentums, das ja in seiner Form als Judenchristentum ohne vergöttlichten Jesus bald untergegangen ist. Die Fortexistenz des Judentums hingegen ist auch heute noch notwendigerweise ein Stachel im christlichen Denken.

3. Auch, wenn man sich nur vorsichtig auf das theologische Glatteis begeben will, ist es doch auch ohne solche theoretischen Überlegungen legitim, auf die überaus zahlreichen judenfeindlichen oder doch zumindest so klingenden Stellen hinzuweisen, die in neutestamentlichen Schriften enthalten sind, ungeachtet der Fragen ihrer Authentizität und ihrer Widersprüche. Einige Beispiele: Schon der älteste Text des NT, der (echte) 1. Paulusbrief an die Thessalonicher (Gde. von Saloniki), ist eine anitjüdische Feindschaftserklärung. Pauschal heißt es dort über die Juden: „Diese haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn Gottes ist schon über sie gekommen.“ (1 Thess. 2,15 f.). Nur wenige Sätze vorher hatte Paulus seine Verkündigung als Wort Gottes bekräftigt. Nun kann man Paulus, selbst jüdischer Herkunft, noch eine Art jüdischer Hassliebe zugutehalten sowie die bekannten Stellen im 11. Kap. des Römerbriefs, wonach schließlich ganz Israel gerettet werde. Kaum mehr möglich ist derartiges beim Johannesevangelium, dem mit Abstand judenfeindlichsten.

Durch die Jahrhunderte besonders verhängnisvoll wirkte die bekannte Selbstverfluchung bei Mt 27,25: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Mt 23,29 ff. schreibt Jesus das Wort zu: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler!…ihr macht es voll, das Maß eurer Väter!…ich sende zu euch Propheten, Weise und Schriftgelehrte; die einen von ihnen werdet ihr töten und kreuzigen; andere von ihnen werdet ihr in euren Synagogen geißeln und von Stadt zu Stadt verfolgen, damit alles gerechte Blut, das auf Erden vergossen wurde, über euch komme…“ Die Apostelgeschichte enthält eine Reihe von Stellen, in denen die Juden pauschal als Jesusmörder gebrandmarkt werden, Grundlage der bis in die 2. Hälfte des 20. Jh. andauernden Gottesmördertheologie. Während der älteste Evangelist Markus nur die jüdische Führungsschicht anklagte, beschuldigte schon Matthäus das gesamte jüdische Volk. Lukas hielt sich zwar in seinem Evangelium zurück, schloss sich aber in der Apostelgeschichte dem Verwerfungsmythos an.

Im Johannesevangelium, Jahrzehnte nach der Zerstörung Jerusalems (im Jahr 70) geschrieben, erscheinen die Juden – stets generell – an etwa 50 Stellen als Gegner Jesu und trachten ihm nach dem Leben. Kein Wunder, lautet doch ein johanneisches Jesuswort (Jo 8,44): „Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an.“ Das Johannesevangelium macht Judas zum Urtyp jüdischer Geldgier und die Juden zu einer Art kosmischen Unheilsmacht.

Zu dieser Zeit waren die meisten der Judenchristen, zu denen ja nach dem NT die Gefährten und Familienangehörigen Jesu gehörten, bei der Zerstörung Jerusalems umgekommen, ihre ursprünglich starke Position war nur noch unbedeutend. Die hellenistisch-römische Kultur war jedoch judenfeindlich, und dazu passte die judenfeindliche und romfreundliche Tendenz der neutestamentlichen und anderer christlicher Schriften. Bemerkenswert ist, wie der Prokurator Pilatus in den Evangelien behandelt wurde: Historisch gesichert war er als sehr brutal und korrupt bekannt. Die religiös hochempfindlichen Juden kränkte er schwer durch für diese gotteslästerliche Standarten und provokative Münzen mit dem Kaiserbild, das dem biblischen Bilderverbot widersprach. 6000 bis 8000 Juden ließ er in seiner 10-jährigen Amtszeit kreuzigen, und nach einem sinnlosen Blutbad wurde er seines Amtes enthoben. Und dieser nämliche Unterdrücker wurde als Figur der Passionsgeschichte milde gezeichnet: als wohlmeinender Mann mit menschlicher Schwäche, der Blutvergießen nicht mag, aber vom feindseligen Mob einzuschüchtern ist. Einen Prozess Jesu vor dem jüdischen Synhedrion („Hoher Rat“), der der Auslieferung an die Römer vorangegangen sein soll – was nur die Evangelien nach Johannes und Lukas behaupten, sich dabei aber mehrfach widersprechen – kann es nicht gegeben haben. Diese beiden Passionstexte widersprechen der damaligen jüdischen Rechtspraxis in zahlreichen wesentlichen Punkten, wie insbesondere Pinchas Lapide in seinem Buch „Wer war schuld an Jesu Tod?“ (GTB-Siebenstern, 1987) genau dargelegt hat. Aus historischer Sicht ist es eine der größten historischen Merkwürdigkeiten der Evangelien, gleichermaßen prorömisch wie antijüdisch zu sein (Lit.: statt aller J.D. Crossan, Jesus, München 1996 [Beck’sche Reihe] 179 ff.; W. Fricke, Standrechtlich gekreuzigt, 1986, TB-Ausg. 1988, 264 ff.; G. Lüdemann a.a.O. 78 ff., 111 ff.; H. Maccoby, König Jesus, Tüb. 1982; A. Mayer a.a.O. 246 ff.). Sie ermöglichte aber eine Ausbreitung des Christentums im Reich.

Unabhängig davon, inwieweit judenkritische Passagen des NT auch als innerjüdische Angelegenheit und als nicht eigentlich judenfeindlich interpretiert werden können, blieb doch historisch entscheidend, daß sie von der Entstehungszeit und bis lange nach der Katastrophe des 20. Jh. als judenfeindlich verstanden wurden, und umfangreiche Studien über deutsche Religionsbücher nach 1945 beweisen deren antijüdische Tendenz. Die religiöse JF ist für die heutige christliche Theologie eines der schwierigsten Themen, zielt es doch in den Kern der Entstehung des paulinisch-christlichen Glaubens.

4. JF war eines der Kennzeichen der sich rasch entwickelnden nachpaulinischen Theologie. Daher stellte der berühmte protestantische Kirchenhistoriker Adolf von Harnack (1851-1930) in seinem erfolgreichen Werk über die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten fest, nach übereinstimmender Ansicht aller christlichen Schriftsteller mitsamt den „Kirchenväter“ genannten theologischen Kapazitäten sei Israel „eigentlich zu allen Zeiten die After- bzw. die Teufelskirche gewesen.“ Und auch für die nachfolgenden Jahrhunderte gilt, dass die Judenfeindschaft eine ganze christliche Literaturgattung ausmachte. „Adversus Judaeos“, Gegen die Juden, hießen zahlreiche Werke. Selbst Origenes, der vielleicht bedeutendste Theologe der christlichen Frühzeit, schrieb etwa: „Das Blut Jesu haftet nicht nur an jenen, die Jesu Zeitgenossen waren, sondern fürwahr an allen künftigen jüdischen Geschlechtern bis ans Ende der Zeiten.“ Stellvertretend für diese Zeit seien die berühmten acht antijüdischen Predigten des Hl. Johannes Chrysostomus (um 350-407) genannt, des größten Predigers der griechischen Kirche:

Eine Kostprobe:

„Wenn einer den Herrn Jesus Christus nicht liebt, so soll er verflucht sein.“ (1.Kor 16,22). Was aber gäbe es für einen größeren Beweis dafür, dass einer den Herrn nicht liebt, als wenn er gemeinsam mit seinen Mördern das Fest feiert? Diejenigen habe nicht ich verflucht, sondern Paulus, vielmehr auch nicht Paulus, sondern Christus, der durch jenen spricht… Wenn ihr euch schämt, den Grund zu sagen, so will ich ihn euch nennen, vielmehr nicht ich, sondern die objektive Wahrheit. Weil ihr Christus getötet habt…weil ihr sein kostbares Blut vergossen habt, deshalb gibt es für euch keine Besserung mehr, keine Verzeihung und auch keine Entschuldigung. Denn damals ging der Angriff auf Knechte, auf Moses, Jesaja und Jeremia. Wenn auch damals gottlos gehandelt wurde, so war das…noch kein Kapitalverbrechen. Nun aber habt ihr alle alten Untaten in den Schatten gestellt durch die Raserei gegen Christus. Deshalb werdet ihr auch jetzt mehr gestraft. Denn, wenn dies nicht die Ursache eurer gegenwärtigen Ehrlosigkeit ist, weshalb hat euch Gott damals ertragen, als ihr Kindermord begangen habt, wohingegen er sich jetzt, da ihr nichts derartiges verübt, von euch abwendet? (Zitate aus: Kirche und Synagoge I, 163) Ich weiß, dass viele Gläubige den Juden und ihren Zeremonien eine gewisse Achtung zollen. Dies veranlasst mich, mit dieser verhängnisvollen Meinung gründlich aufzuräumen…Da sie den Vater verleugnet, den Sohn gekreuzigt und die Hilfe des Geistes zurückgewiesen haben, wer würde da noch behaupten wollen, die Synagoge sei nicht eine Heimstatt von Dämonen? Gott wird dort nicht verehrt, es ist nur ein Haus des Götzendienstes…Die Juden leben für ihre Bäuche, sie streben nach den Gütern dieser Welt. In Schamlosigkeit und Gier übertreffen sie noch die Schweine und Ziegen…Die Juden sind von Dämonen besessen, sie sind unreinen Geistern überantwortet…Anstatt sie zu begrüßen und auch nur mit einem Wort anzusprechen, solltet ihr euch von ihnen abwenden wie von der Pest und einer Geißel der Menschheit. Zit. aus G.A. Craig, Über die Deutschen, 1982, 144 f.

Die Anklage des Chrysostomus steigert sich in Bezug auf das jüdische Vergehen gegen die Trinität. Die Synagoge ist für Chrysostomus der Ort, wo Christi Mörder zusammenkommen, das Kreuz verstoßen und Gott gelästert wird, der Vater nicht bekannt, der Sohn geschmäht und die Gnade des lebenspendenden Geistes zurückgewiesen wird. Das große Lexikon für Theologie und Kirche, 2.A. (1960), rühmt den hl. Chrysostomus, er habe als Prediger an der Bischofskirche durch sein zündendes Wort eine einzigartige seelsorgerische Tiefenwirkung erzielt, die ihm den Ehrennamen „Goldmund“ und ein nie mehr erloschenes Ansehen eingebracht habe.

5. Das große Kapitel des christlich-antiken Judenhasses kann man, so geschehen in dem monographischen Artikel „Antisemitismus“ in der Theologischen Realenzyklopädie (Bd.3, 1978, 135), wie folgt resümieren:

Zusammenfassend ist zu sagen, daß die frühchristliche Literatur von einer konsequenten Judenfeindlichkeit durchzogen ist, die alles übertrifft, was ältere oder gleichzeitige heidnische Schriften in dieser Hinsicht bieten, und die als eine offizielle Ideologie gelten kann. Sie ist darauf abgestellt, Volk und Glauben der Juden zu diffamieren und verächtlich zu machen…und findet ihren Ausdruck in polemischen Schriften, Predigten, Bibelexegese und Geschichtsschreibung – eigentlich in der gesamten Literatur der Kirche – und später, als das Christentum Staatsreligion des römischen Reiches wird, überdies in antijüdischer Gesetzgebung und illegalen Ausschreitungen. Mit Anbruch des 4. Jh. tritt uns diese Ideologie, deren Anfänge sich in den ersten und am schlechtesten dokumentierten Phasen der Kirchengeschichte verlieren, bei den Lateinischen, Griechischen und Syrischen Kirchenvätern als konsistentes System universaler Geltung entgegen.

Die byzantinisch-christlichen Kaiser verschärften nach und nach auf kirchlichen Druck ihre mit dem Erstarken des Christentums einsetzende Judengesetzgebung immer mehr (vgl. TRE a.a.O. 132). Im Westreich stellte die Synode von Elvira (bei Granada) schon 306 Ehen zwischen Christen und Juden unter Strafe, der Umgang mit Juden wurde mit Exkommunikation bedroht. Das erste Gesetz, das die Kirche dem christlich gewordenen Reich Konstantins aufzwang, war das Verbot für Juden, zu missionieren. Konstantins Söhne bedrohten Mischehen mit der Todesstrafe, den Übertritt eines Christen zum Judentum (das lange Zeit sehr attraktiv geblieben war) mit der Konfiskation des gesamten Besitzes, und 404 wurden Juden aus dem Heer und allen Staatsämtern entfernt.

Die erste bekannte christliche Niederbrennung einer Synagoge, im mesopotamischen Kallinikon, erfolgte 388 auf bischöfliche Hetze anläßlich einer christlichen Prozession. Der empörte Kaiser Theodosius befahl die Bestrafung der Übeltäter und den Wiederaufbau der Synagoge auf Kosten des Ortsbischofs, sehr zum Missfallen des mächtigen Mailänder Bischofs Ambrosius. Dieser heilige Marienverehrer, Begründer des lateinischen liturgischen Hymnus, einer der vier großen lateinischen Kirchenlehrer und Lehrer des Augustinus, bedauerte, die Synagoge in Mailand nicht mehr anzünden zu können, weil das schon ein Blitzschlag als göttlicher Urteilsspruch besorgt habe, und rügte den Kaiser scharf.

…Dies ist kein Grund für solche Erregung, daß wegen eines verbrannten Gebäudes das Volk so streng bestraft werden soll, und um so weniger, da eine Synagoge eingeäschert worden ist, dieser…Ort des Unglaubens, diese Heimstatt der Gottlosigkeit, dieser Schlupfwinkel des Wahnsinns, der von Gott selbst verdammt worden ist…Was hat der Fromme gemein mit dem Ungläubigen? Mit dem Ungläubigen müssen auch die Bezeugungen des Unglaubens ausgerottet werden… (zit. nach Kirche und Synagoge I, 92)

Und Theodosius nahm sein Reskript zurück. Und so ging die Geschichte des Judenhasses und der judenfeindlichen Erlasse fort durch die Jahrhunderte.

6. Auch Augustinus, 1000 Jahre erste theologische Kapazität, beschuldigte die Juden des Verbrechens der Gottlosigkeit, so daß Jerusalem zu Recht zerstört worden sei. „Natterngezücht“ nannte er sie und „aufgerührter Schmutz“, „triefäugige Schar“. Ewige Knechtschaft verdienten die Juden, nicht Tötung, sondern stete Schmach: „So ist nun der Jude der Sklave des Christen…Das ist allbekannt und erfüllt den Erdkreis.“ Unter Justinian dem Großen, Schöpfer des Corpus Juris Civilis, wurden die Juden völlig entrechtet, im arianischen Ostgotenreich Theoderichs besserte sich ihre Lage, aufatmen konnten sie auch im arianischen westgotischen Spanien, bis König Rekkared 587 zum Katholizismus übertrat. Auf einem Nationalkonzil wurden dann sogleich Raub und Zwangstaufe von Kindern aus Mischehen gebilligt, eine Tradition, die noch Papst Pius IX. 1858 wieder aufnahm (der berüchtigte Fall Mortara). Später hieß die Parole: Taufe oder Tod. Kirchenlehrer Isidor von Sevilla (gest. 633) hieß die zahlreichen antijüdischen Gesetze gut. Eine Bischofssynode beschloß 694 einen Text, in dem es u.a. heißt: „So wie es die Rechtschaffenheit der Treuen verdient, mit großem Lohn bedacht zu werden, so ist es angemessen, die Verworfenheit der Untreuen mit der strengen rächenden Schneide des Schwertes zu verfolgen.“ Die spanischen Juden des 7. Jh. waren vollkommen entrechtete allgemeine Sündenböcke, bis sie dann mit dem Sieg der muslimischen Araber 711 erlöst wurden.

III. Mittelalter und Neuzeit

1. Ich muss nun in großen Sprüngen weitereilen. Fast 700 Jahre lang entwickelte sich in Spanien, das ohne großen Widerstand von den Arabern erobert worden war, das goldene Zeitalter der „Kultur der drei Ringe“. In ihr wurde allen nichtmuslimischen Religionen volle Kultfreiheit zugebilligt. Juden wurden unverzichtbare Mittler zwischen der überlegenen östlichen und der westlichen Kultur, indem sie arabische Werke ins Lateinische übersetzten und auch sonst etwa als Ärzte und Verwaltungsfachleute großen Einfluss ausübten. Es gab gemeinsame jüdisch-christliche Gebetsstunden und andere gemeinsame religiöse Feierlichkeiten, in Einzelfällen sogar weit bis in die Zeit der Reconquista hinein. In dieser Periode waren die Juden in der neuen christlichen Hofbürokratie unersetzlich. Konzilien und Klerus erzeugten aber allmählich einen judenfeindlichen Geist, was auch die Herrscher zu einer Änderung von Verhalten und Gesetzgebung veranlassten. Die Periode religiöser Toleranz endete, nachdem bedeutende christliche Judenhetzer wie Ferrand Martinéz, Führungsfigur des Taufkriegs von Sevilla (1391) mit seinen tausendfachen Judenmorden und der hl. Vicente Ferrer gründliche Vorarbeit geleistet hatten, mit den Schauerlichkeiten der 1478 begründeten Spanischen Inquisition.

Ihre Opfer waren hauptsächlich die zwangsgetauften Juden, die man gern Marranen nannte, von marrano, das Schwein. Massenhinrichtungen fanden statt, feierliche Glaubensschauspiele mit anschließenden Verbrennungen (Autodafés). Als Kolumbus 1492 in See stach, fand in Spanien die bis dahin größte Judenvertreibung überhaupt statt: es waren hunderttausende von Menschen. 1506 veranstalteten Mönche die „Bluthochzeit von Lissabon“. Dabei wurden an Ostern in zwei Tagen etwa 2000 Juden verbrannt. Von Anfang an war die Spanische Inquisition von rassistischem Gedankengut durchsetzt. Aufgehoben wurde sie gegen starken Widerstand der Geistlichkeit erst 1834, die Nachwirkungen dauerten lange an. Bis 1865 verlangte ein spanisches Gesetz z.B. für Eheschließung und Staatsdienst einen Ahnennachweis, der gesellschaftlich auch danach noch wichtig war.

2. Ausserhalb Spaniens lebte das christlich-germanische Europa bis zum 12. Jh. – im Gegensatz zur byzantinischen Rechtlosigkeit der Juden – im großen und ganzen friedlich mit den Juden zusammen, weil meist eine starke antijüdische Propaganda fehlte. Im einzelnen war die Situation sehr unterschiedlich. Hingewiesen sei z.B. auf haßerfüllte judenfeindliche Schriften des hl. Agobard (769-840), Bischof von Lyon, denen schon wesentlich weiter verbreitete Schriften seines Nachfolgers Amulo folgten. Das Oberhaupt der Juden von Bordeaux wurde 300 Jahre lang jeden Freitag vor der Kathedrale zur Volksbelustigung geohrfeigt, und in den katalanischen Pyrenäen entwickelte sich der mörderische Brauch des Klöppelschlagens am Gründonnerstag, beginnend mit einem priesterlichen Zeichen. Seit Jahrhunderten kannte die westliche Kirche die Bitte aus der Karfreitagsliturgie Oremus et pro perfidis Judaeis – Lasset uns auch für die ungläubigen, treulosen Juden beten. Diese Bitte erhielt im 9. Jh. eine spezielle Stoßrichtung, wurde doch jetzt die bei der Kreuzesverehrung oftmals ausgesprochene Weisung flectamus genua – beugen wir die Knie – bei der demütigenden Fürbitte für die Juden, das gottesmörderische Volk, demonstrativ unterlassen. Diese Tradition hielt bis weit nach dem Holocaust an, bis Johannes XXIII. sie 1959 unterband. Karfreitag wurde in Europa für die Juden ein gefährlicher Tag, an dem immer wieder Blut floß. Daher wurde den Juden oft zu ihrem Schutz verboten, am Kartag die Straße zu betreten.

3. In Deutschland begann das eigentliche Tal der Tränen für die Juden mit dem 1. Kreuzzug. Verhängnisvoll wirkte sich hierbei aus, daß ein wahnsinniger Kalif um 1007 u.a. die Jerusalemer Grabeskirche zerstörte. Diese völlig untypischen Untaten schob man den Juden als Veranlasser zu, da sie doch in Spanien ein gutes Verhältnis zu den dortigen Mauren hatten. Daraus entwickelte sich eine Judenhetze als Vorgeschichte der Kreuzzüge, angeführt etwa von einem Geschichtsschreiber wie Radulphus Glaber, der den Judenmord zum gottgefälligen Werk erhob. Als dann Papst Urban II., wohl nach dem großen Kirchenschisma von 1054 – die Wiedergewinnung des Ostens im Auge – 1095 den Kreuzzug predigte, war die Zeit reif. Hatte man nicht den Teufel sogar im eigenen Land?

Es folgten riesige Judengemetzel in den großen rheinischen Judengemeinden wie Speyer und Mainz, aber auch zahlreichen anderen deutschen Städten, wobei Bischöfe teilweise gegen Gold und Geld Schutz gewährten. Um der Ermordung zu entgehen, begingen z.B. 1096 in Worms mehrere hundert Juden rituelle Selbsttötung. Über einen Mainzer Massensuizid berichtet Salomon bar Simeon etwa so: „Und die Frauen gürteten mit Kraft ihre Lenden und schlachteten ihre Söhne und Töchter und dann sich selbst…“ usw. Und in Jerusalem, wo die Kreuzfahrer sangen: „Jerusalem frohlocke! Von Blut viel Ströme fließen, indem wir ohn‘ Verdrießen das Volk des Irrtums spießen…“, ließ man, viel geistlichen Beistand hatte man ja, die Juden lebendig in ihrer Synagoge verbrennen.

Nicht besser erging es den übriggebliebenen Juden in Deutschland und anderswo anlässlich des 2. Kreuzzugs. Das Mordgesindel vermochte nicht so feinsinnig zu unterscheiden wie der hl. Petrus Venerabilis, der Ehrwürdige, Abt von Cluny und Freund des Bernhard von Clairvaux. Laut Petrus will nämlich Gott nicht, dass die Juden „ganz getötet werden, dass sie vollkommen zum Verschwinden gebracht werden, sondern dass sie zur größeren Qual und zur größeren Schmach…zu einem Leben schlimmer als der Tod bewahrt bleiben…“ (Kirche und Synagoge I, 120). Zur Kreuzzugszeit, um 1140, wurde übrigens das Decretum Gratiani, eine für das kanonische Recht grundlegende Rechtssammlung geschaffen, die auch zur Verschärfung der antijüdischen Gesetzgebung beitrug.

4. Das 13. Jh. war, so der bedeutende Mediävist Jaques Le Goff, „ein Jahrhundert lichtvoller Geistigkeit“, in dem gleichzeitig „das Christentum auf dem Höhepunkt“ war: eine Zeit der beginnenden experimentellen Naturwissenschaft, des Aufstiegs der Universitäten und der Blüte der italienischen Städte, ein Jahrhundert, in dem auch der menschenfreundliche Thomas von Aquin lebte. Über dasselbe Jahrhundert kann man – unüblich, aber historisch gleichermaßen korrekt – auch sagen, in ihm habe die Kirche nicht nur triumphiert, insbesondere durch die genozidale Ausmordung der Katharer, sondern sie habe den Judenhass zum offiziellen Kirchenprogramm erhoben. Schon im 3. Laterankonzil von 1179, einem sog. ökumenischen Konzil, hatten 300 Bischöfe antijüdische Vorschriften bestätigt, sollten doch die Juden nur leben, damit ihr leidvolles Dasein die Herrlichkeit Christi umso mehr leuchten lasse. Nach langer Vorbereitung, begleitet vom Rat der gelehrtesten Theologen, fand 1215 das 4. – ökumenische – Laterankonzil statt, mit ca. 1300 Teilnehmern selbst aus dem Osten das größte Konzil der Christenheit vor dem 2. Vatikanum. Angesichts verheerender innerkirchlicher Missstände und existentieller Bedrohung der Kirche insbesondere durch die friedliebenden Katharer geißelte der mächtige Papst Innozenz III. schon in seiner Begrüßungsansprache die verderbte Geistlichkeit. Neben der Kirchenreform waren aber auch Kreuzzugsfanatismus und Ketzerausrottung mit Feuer und Schwert angesagt, und der Juden nahm man sich sehr eingehend an. Scharf bekämpft wurden die so genannten jüdischen Wucherzinsen, obwohl die Juden selbst mit unanständig hohen Sondersteuern belegt waren. Zur Diskriminierung und gesellschaftlichen Ächtung schrieb man für die Juden Sondertracht bzw. Kleiderzeichen vor. Das Konzil schloss die Judenschaft von allen handwerklichen Berufen und praktisch aus der Gesellschaft aus, wobei sich die Abdrängung in die Geldberufe verheerend auswirkte.

In einem psychologischen Zusammenhang mit der ebenfalls 1215 dogmatisierten Lehre von der Transsubstantiation standen die seitdem häufig auftretenden und mörderischen Beschuldigungen des Hostienfrevels und des Ritualmordes. Die dabei den Juden angedichteten durch Mordblut angereicherten Sakralmähler stellten eine Art jüdischer Gegenkommunion dar, die zu Pogromen herausforderten. In Frankreich kam es im 13. Jh., teils auf päpstliche Forderung, teils auf Betreiben der Inquisitoren, zu zahlreichen Verbrennungen des Talmud und anderer jüdischer Literatur, und der bedeutende schottische Theologe Duns Scotus forderte im 13. Jh. für die Juden eine Insel als Verfluchten-Reservat. Papst Nikolaus III. etablierte ebenfalls im 13. Jh. Zwangspredigten für die römischen Juden, die gern auf den Sabbat gelegt wurden, und sie hörten erst auf, als die napoleonischen Truppen Rom eroberten.

5. Für das Mittelalter und die späteren Jahrhunderte können die endlosen Demütigungen und Verfolgungen der europäischen Judenheit durch Kirche, weltliche Gewalt und Volk mit oft ausserordentlich schöpferischen Grausamkeiten und tödlichen Pogromen im Folgenden nur durch Stichworte, und auch diese nur unvollständig andeutungsweise skizziert werden:

Beschuldigungen des Ritualmords und des Hostienfrevels mit anschließenden z.T. pogromartigen Morden; speziell: europaweite Verbreitung des Greuelmärchens über einen Ritalmord an dem Knaben Simon von Trient ab 1475; komplette Austreibungen aus Städten und Ländern; Zwangspredigten; z.T. mörderische Judenhetze durch Prediger wie Johannes von Capestrano, der wegen seiner europaweiten Tätigkeit im 15. Jh. „Geißel der Juden“ genannt wurde, heiliggesprochen 1690; Kammerknechtschaft; entwürdigende Eidesleistung auf Schweinshäuten; Inquisition für Zwangschristianisierte; Verbrennungen; Kontaktverbote; Vermögenskonfiskation; Papstkrönungen mit ritualisierter Verachtung der Thora; römischer Karneval mit grausamen Judenrennen u.a.; Judenfleck und Judenhut; Verteufelung, Verhöhnung und Angriff in Wort und Bild: durch Traktate, Legenden, Gemälde, Plastiken wie die Judensau an Kirchen; Flugblätter. Die berühmten Maler Matthias Grünewald, Hieronymus Bosch und El Greco etwa malten entschieden antijüdisch. Weiter sind zu nennen Zwangstaufen mit anschließender jüdisch finanzierter Zwangschristianisierung; oft übermäßig hohe Sonderabgaben aller Art, z.T. Kommunionpfennig genannt; Friedhofsschändungen, Boykottaufrufe usw. Etliche deutsche Dome wurden auch mit Hilfe jüdischer Steuern erbaut, und Juden durften auch das Konzil von Konstanz mitsamt seiner 800 Huren mitfinanzieren, zur Vermeidung einer Verbrennung. Der große Humanist Erasmus von Rotterdam prägte den Satz: „Wenn es zu einem guten Christen gehört, die Juden zu verabscheuen, dann sind wir alle gute Christen.“

Besonders wirkungsvoll waren die verschiedenen Aspekte des „Karfreitagskomplexes“. Die kirchliche Machtpolitik übersetzte sie „in ein lückenloses Nachrichtennetz von Predigten, Exerzitien, Inquisitionen, Kreuzwegen, Gnadenbildern, Wallfahrtsstätten, Bildgeschichten, Passionsspielen und volksmissionarischen Bußfeldzügen“, mit dem sie ganz Europa überzog und seelisch kontrollierte (R. Kreis, 1999, S. 22). In etlichen Ausstellungen und Bildbänden war und ist eindrucksvoll zu sehen, wie die antijüdischen Gewaltorgien in Erzeugnissen der Kunst gewissermaßen heiliggesprochen wurden (vgl. R. Kreis S. 35). So wurde „der Jude“ zum metaphysischen Feind. Das Christentum konnte die fortdauernde Existenz des Judentums nicht ertragen.

6. Die Reformation brachte den Juden keine Erleichterung. Es war eine Zeit scharfer Gleichsetzung der Juden mit dem Teufel. Eine anfangs ungewöhnlich menschenfreundliche Einstellung Luthers zu den Juden schlug später, vielleicht wegen ausbleibender Missionserfolge, in abgründigen Hass um, der 1543, drei Jahre vor seinem Tod, in seiner umfangreichen Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gipfelte. Sie wurde von den Nazis gern ausgeschlachtet. Die großartigen geistigen Leistungen der Juden des Frankfurter Gettos, seinerzeit Zentrum der deutschen Judenheit, entstanden im Gestank einer extremen Pferchsituation entlang eines Abwasserkanals. Ziemlich unstreitig brach erst die Aufklärung einer allmählichen Judenemanzipation Bahn, vor allem die Französische Revolution. So heißt es etwa bei Erika Weinzierl in der Theologischen Realenzyklopädie: „…Die Verfolgung und Bedrückung der Juden haben…erst aufklärerische Philosophen, die zugleich die Macht und den Einfluß der Kirche bekämpften, als menschenunwürdiges Unrecht angesehen und sich für dessen Beseitigung eingesetzt.“ Dass selbst die Aufklärung erhebliche antijüdische Tendenzen hatte, steht auf einem anderen Blatt.

IV. 19. und 20. Jahrhundert

1. Im Europa des 19. Jh. wurde das jüdische Getto, ausgenommen in Russland und in Rom, aufgebrochen mit der Folge der Freisetzung einer überlegenen jüdischen Geistigkeit: die Epoche der Assimilation begann, unterbrochen durch herbe Rückschläge. Wer in die oberste öffentliche Schicht vordringen wollte, musste trotz allmählich verbesserter Rechtsstellung die Taufe als Eintrittsbillett akzeptieren. Die rechtliche Gleichstellung der Juden in deutschen Landen als Frucht der Aufklärung und des Liberalismus wurde erst zwischen 1861 und 1869 erreicht.

Alle großen Leistungen und der große Patriotismus der deutschen Juden nutzte diesen aber auf Dauer nichts. Ein großer Teil der deutschen Elite war und blieb mehr oder weniger scharf antijüdisch eingestellt.

Als wenige Beispiele seien genannt Richard Wagner, der Nationalökonom Karl Eugen Dühring, der berühmte Rechtsgelehrte Franz Eduard von Liszt, der Prot. Kirchenrechtler Rudolf Sohm, die Historiker Heinrich von Treitschke und Eduard Meyer, der einflußreiche wahldeutsche Kulturphilosoph Houston Stewart Chamberlain, stellvertretend für zahllose andere. Besonders unselig wirkte der Dom- und Hofprediger Adolf Stöcker, Führungsfigur auch der Inneren Mission, dem es gelang, die deutschen Lande durch seine Hetzpredigten aufzuwühlen. Noch 1892 stellte er im Reichstag die Ritualmordlegenden als historisch wahr dar. Übrigens wurde Ende des 19. Jh. in der Donaumonarchie im Gefolge christlicher Hetzprediger eine Hysterie erzeugt, in deren Folge eine ganze Serie von Ritualmordprozessen durchgeführt wurden. 22 Jahre wirkte Stoecker im Reichstag, und, wie der Protestant Günter Brakelmann 1982 schrieb: „Der Antisemitismus strukturierte und vitalisierte alles, was er sagte, schrieb und tat.“ Er sprach von der parasitären jüdischen Existenz, ließ tätliche Exzesse seiner Zuhörer zu und hatte wesentlichen Anteil an einer 1881 beim Reichstag eingereichten scharfen antjüdischen Petition mit 255 000 Unterschriften.

Seit 1878 rollten ununterbrochen auf allen gesellschaftlichen Ebenen unter Mitwirkung insb. der prot. Geistlichkeit antijüdische Agitationswellen über das deutsche Land. Zutiefst entwürdigende und sogar ins Mörderische gehende Karikaturen und Hetzgedichte wurden massenhaft, etwa auf Postkarten, verbreitet. Ergebnis ist nach umfangreichen Quellenforschungen insb. des prot. Historikers Werner Jochmann, dass in dieser Zeit eine feste Legierung zwischen Protestantismus, Politik und Antisemitismus entstand, die noch nach 1945 schwarze theologische Blüten trieb. Der aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche ab etwa 1870 aufflammende neue Antisemitismus, ein Begriff dieser Zeit, trug zwar in erster Linie politisch-völkisch-rassische Züge. Er war aber stets begleitet von allgemeiner religiöser Judengegnerschaft beider Konfessionen – theologischer wie volkhafter – und konnte auf dieser aufbauen. Bemerkenswert, daß die Judenfeindschaft bei den Intellektuellen stärker war als im einfachen Volk. Unter umfassender Auswertung vor allem preussischer Archive legte Dietz Bering 1988 in seiner Habilitationsschrift „Der Name als Stigma“ (betr. die Zeit von 1812-1933) eindrucksvoll dar, wie die Staatsverwaltung die Juden systematisch durch rechtliche Vorschriften und die Verwaltungspraxis entwürdigte, wenn sie versuchten, ihnen aufgedrängte diskriminierende Namen zu ändern.

Die bislang gängige Auffassung, die religiöse Judenfeindschaft in Deutschland sei bei den Protestanten stärker ausgeprägt gewesen als bei den Katholiken, hat sich nach den jüngsten Forschungen von Olaf Blaschke zum katholischen Antisemitismus (1997) als unrichtig erwiesen.

Im katholischen Österreich stand der erste große Parteitag der Christlich-sozialen Partei 1886 im Zeichen des Antisemitismus, und ihr Führer, der bedeutende Wiener Bürgermeister Lueger, war ein leidenschaftlicher Antisemit. Nach dem Untergang der Donaumonarchie erdrosselt 1920 auf einem Wahlplakat dieser Partei die jüdische Satansschlange den Staatsadler. Entsprechungen hierzu gab es im Deutschland der Weimarer Zeit zuhauf.

2. Nach 1918 waren die deutschen Juden trotz des Patriotismus ihrer 12 000 gefallenen Frontsoldaten die Hauptschuldigen, und zahlreiche große Verbände und berufsständische Vereinigungen und vor allem die angesehenen bürgerlichen Zeitungen und Fachzeitschriften ließen die antisemitische Flut steigen. Der Geist des Rassen- und Völkerhasses zog in den 20er Jahren bald auch in die Gymnasien ein, und antijüdische Rechtsbrüche waren an der Tagesordnung. Die unsäglichen „Protokolle der Weisen von Zion“ grassierten, und schon 1923 ließen katholische Studentenverbindungen Studenten mit nur teiljüdischer Abstammung nicht mehr zu. Gerade der hier besonders „unverdächtige“ W. Jochmann weist darauf hin, Geistliche beider christlicher Konfessionen seien für antisemitische Kulturkampfparolen besonders empfänglich gewesen und unter ihrem Einfluss die Redakteure der auflagenstarken Kirchenzeitungen. (Gesellschaftskrise und Judenfeindschaft 149 f.) Und der Protestant Klaus Scholder schreibt zur Weimarer Zeit in seinem schon klassischen Standardwerk zu den Kirchen und dem Dritten Reich:

Man begreift nicht, wie Christen die Flut des Hasses und der Gemeinheit in Kauf zu nehmen bereit waren, die der völkische Antisemitismus auswarf, wenn man sich nicht klar macht, daß durch die Anfänge der politischen Theologie das Recht des Volkes zum Inbegriff des göttlichen Schöpfungswillens geworden war.

Beide Kirchen trugen, insbesondere durch ihre starke Judenfeindschaft, neben einer Reihe anderer Aspekte wesentlich mit zum Untergang der Weimarer Republik bei.

3. Die Kirchen waren nicht nur Objekt des darauf folgenden terroristischen Systems, sondern sie trugen eindeutig viel zu seiner Festigung und seinem Bestand bei. Die katholische Führung, die den NS vor 1933 aus ideologischen Gründen abgelehnt hatte, passte sich mit der herannahenden Machtergreifung dem neuen starken Wind an. Das katholische Zentrum stimmte dem Ermächtigungsgesetz vom 23.3.1933 zu und der Episkopat meinte in einer Kundgebung am 28.3.1933 ausdrücklich: „Für die katholischen Christen…bedarf es auch im gegenwärtigen Zeitpunkte keiner besonderen Mahnung zur Treue gegenüber der rechtmäßigen Obrigkeit…“ Am 5.7.1933 löste sich das Zentrum auf und mit dem am 20.7. im Vatikan feierlich unzerzeichneten Reichskonkordat erfuhr das NS-Regime eine erste internationale Anerkennung. Alle Bischöfe leisteten den Treueid auf das NS-Regime. Ein geheimes Zusatzabkommen betraf bereits die Militärseelsorge für den Fall der allgemeinen Mobilisierung bei einer künftigen allgemeinen Wehrpflicht. Gegen den großen Judenboykott vom 1.4.1933 protestierten weder die katholischen noch die protestantischen Führer öffentlich, obwohl sie wegen der getauften Juden selbst betroffen waren, und SA-Leute durften jetzt wieder in Uniform auf der Kommunionbank knien. Kardinal Faulhaber setzte sich in seinen Adventspredigten von 1933 übrigens keineswegs, wie nach 1945 behauptet, unerschrocken für das jüdische Volk ein. Vielmehr erklärte der Alttestamentler Faulhaber seinerzeit ausdrücklich, nur das AT zu verteidigen, keineswegs aber die jüdischen Zeitgenossen. 1934 verwahrte sich Faulhaber in zahlreichen öffentlichen Schreiben im In- und Ausland gegen die in einer Prager Zeitung aufgestellte Falschbehauptung, er habe in einer Predigt Judenfeindschaft und Rassenlehre angeprangert. Die berühmte Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937 nannte als Grundwert der Ordnung neben Volk und Staat die Rasse. Lediglich eine götzenhafte Überhöhung der im Grundsatz richtigen Rassenpolitik wurde verurteilt. Zum Einmarsch in die CSR am 1.10.1938 sandte Faulhaber im Namen des Episkopats Hitler ein Danktelegramm, und überall wurden Dankgottesdienste abgehalten. Zum 50. Geburtstag des Führers am 20.4.1939 wehten an allen Kirchen die Hakenkreuzfahnen, und lange läuteten die Kirchenglocken beim Sieg über das katholische Polen. Anläßlich des Bürgerbräuattentats des Georg Elser auf Hitler schrieb das Passauer Bistumsblatt am 8.11.1939:

…und so müssen wir der Vorsehung Gottes dankbar sein, daß der Führer, dessen Tod gerade in diesen ernsten Tagen höchster nationaler Kraftanstrengung unabsehbare Folgen gehabt hätte, glücklich gerettet wurde. In diesem Sinne hat auch P.P. XII. durch den Apostol. Nuntius in Berlin dem Führer A.H. seine persönlichen Glückwünsche für seine Errettung übermitteln lassen. Im Namen der bayerischen Bischöfe sandte Kardinal Faulhaber von München ein Glückwunschtelegramm an den Führer und Reichskanzler. (Ginzel, Auschwitz als Herausforderung für Juden und Christen, 1980, S. 219)

Nach dem Suizid Hitlers ordnete Kardinal Bertram, Vorsitzender der Dt. Bischofskonferenz, für den Führer ein Requiem an (Faksimile bei Scholder, 1988, S.237). Beide Kirchen unterstützten Hitlers Außenpolitik und Kriege, und noch Ende 1944 formulierten Bischöfe eindringliche Durchhalteappelle. Nie kam ihnen das Wort „Jude“ oder „Nichtarier“ über die Lippen. Nachdem am 7.4.1933 das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ mit seinem Arierparagraphen verkündet worden war, stellten beide Großkirchen wie selbstverständlich alle geforderten Daten aus ihren umfangreichen und alten Beständen an Tauf- und Heiratsurkunden bereit. Sie ließen sogar eigens Formulare zum „Nachweis der arischen Abstammung“ drucken. Die christlichen Juden erhielten kaum kirchliche Unterstützung, und man isolierte sie vielfach auf den hinteren Kirchenbänken.

Bei den Protestanten war vieles noch schlimmer als bei den Katholiken. Noch während des Nürnberger Reichsparteitags von 1935, der in die Nürnberger Rassegesetze mündete, suspendierten evangelische Kirchenbehörden mehrere Kirchenmusiker jüdischer Abstammung, und bald war die Kirchenmusikerschaft „entjudet“. Selbst klassische Kirchenlieder wurden „entjudet“. 1937 verwahrte sich Kirchenrat Klingler, Sprecher der ca. 18 000 evangelischen Pfarrer, gegen den statistisch völlig unberechtigten Vorwurf, der Pfarrerstand sei verjudet. Er stelle eine schwere Kränkung dar, und aus der Pfarrerschaft sei ein Horst Wessel hervorgegangen. Im April 1939 gründeten gar 13 Landeskirchen in Eisenach das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben“, und bereits 1941 konnten ein „entjudetes“ NT und ein „judenreiner“ Katechismus vorgelegt werden. Zum großen Pogrom vom 9.11.1938 schwiegen beide Kirchen, wie zu allem, was die Juden betraf. Mutige einzelne kath. Priester und Pastoren, deren kritische Predigt manchmal erstaunlich lange von den Nazis hingenommen wurde, wurden regelmäßig durch die kirchliche Hierarchie zum Schweigen gebracht.

Nebenbei: Als die industrielle NS-Tötungsmaschinerie auf Hochtouren lief, unterließen es die USA offenbar absichtlich, mit Tod und Folter bedrohte Juden in größerem Stil zu retten, was trotz des Krieges ohne weiteres möglich gewesen wäre. Im Frühjahr und Sommer 1944 flogen zahlreiche große US-Bombergeschwader, oft bei besten Sichtbedingungen und stets bei absoluter Lufthoheit, nachgerade systematisch um die Auschwitzer Mordgebäude herum, und sorgfältig vermied es die Luftwaffe dieser christlichen Weltmacht, Krematorien oder Gleisanlagen zu bombardieren. David S. Wyman hat das genauestens dokumentiert.

4. So gut wie jede der vielfältigen Verfolgungsmaßnahmen der Nazis gegen die Juden hat ein konkretes Vorbild in der Kirchengeschichte (Tabellen bei G. Czermak a.a.O. S. 295-299). Und Weihnachten 1942, 1943 und 1944, als sich die Judenheit in den Verbrennungsöfen auflöste, erklangen in Deutschland die traditionellen Weihnachtslieder. Der relativ wenigen einzelnen Christen, die sich der herrschenden Ideologie – wie zu allen historischen Zeiten – ernsthaft widersetzten und selbst ihr Leben riskierten, kann hier nur in diesem Satz voll Bewunderung gedacht werden.

Mein Versuch, den Kern des Aufsatzes in einem einzigen Satz zusammenzufassen, lautet: Am Anfang steht das Wort, am Ende der Mord.

Schließen möchte ich mit Versen Heinrich Heines aus seinem „Rabbi von Bacharach“:

Ein Jahrtausend schon und länger
dulden wir uns brüderlich,
du, du duldest, dass ich atme,
dass du rasest, dulde ich.
Manchmal nur in dunklen Zeiten
ward dir wunderlich zumute,
und die liebefrommen Tätzchen
färbten sich mit meinem Blute.

 

2000 Jahre Christen gegen Juden

Zu Ursachen und Wirkungen einer Konstante des sogenannten christlichen Abendlandes

 


Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an…er ist ein Lügner und ist der Vater der Lüge.

Jesus zu den Juden, nach Joh. 8,12/ 44

Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen…In dieser Stunde muß die Stimme des Mannes gehört werden, der als der deutsche Prophet im 16. Jh. einst aus Unkenntnis als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen…der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.

Martin Sasse, ev. Landesbischof von Thüringen, 1938

Wo, Pater Benedikt, bist du gewesen, als sie unseren Bruder geholt haben wie Schlachtvieh, wo?

Max Frisch, Andorra

I. Einführung

Trotz jahrzehntelanger Bemühungen ist die Gesamtthematik Judenfeindschaft (JF) in Deutschland immer noch unzureichend aufgearbeitet. Das zeigt die Verlogenheit der Goldhagen-Kontroverse im Jahr 1996. Denn Goldhagens Fakten sind unbestritten, und sie sind auch nicht grundsätzlich neu. Die zahlreichen Kritiker Goldhagens haben nicht dessen großes Verdienst hervorgehoben, die Perspektive zu wechseln und die Motive der Täter aufschlußreich zu erforschen. Stattdessen haben sie ihm wutschnaubend der Sache nach vorgeworfen, nicht ein anderes Buch geschrieben zu haben, nämlich eines, in dem auch der teils scharfe, teils ebenfalls „eliminatorische“, d.h. total ausgrenzende oder gar mörderische Antisemitismus in anderen Ländern eine gebührende Rolle spielte, so in Rußland, Polen, Rumänien, Ungarn, Frankreich, USA und anderen. Auf die sicher vorhandenen Mängel des Buchs, etwa seine Überheblichkeit, ist hier nicht weiter einzugehen. Merkwürdig ist jedoch die Tatsache, daß Goldhagen zwar einiges über die typisch christliche JF in der europäischen Geschichte schreibt und scharf den Antisemitismus in den deutschen Kirchen anprangert, dafür aber gerade nicht kritisiert wird. Dabei erklärt er immerhin im Rahmen einer umfangreichen Faktensammlung:

Der moralische Bankrott der deutschen Kirchen, der protestantischen wie der katholischen, war so umfassend und erbärmlich, daß er weit größere Aufmerksamkeit verdiente, als ihm hier zuteil werden kann. (S. 137 der dt. Ausg.)

Man kann sich fragen, ob G. nicht stellvertretend geprügelt wurde für solche Aussagen, die unerwünscht, aber wahr und deshalb schwer kritisierbar waren.

2. Was ist nun der Kern der Religionsgeschichte, die dem vorausgeht? Die Judenfeindschaft, seit etwa 120 Jahren auch – sprachlich verunglückt – Antisemitismus genannt, ist in Entstehung und Wirkung komplex. Bei den Theologen ist sie zumindest seit einigen Jahrzehnten verpönt, sie sprechen aber – bezogen auf die Kirchen – lieber von Antijudaismus. Das Verhängnis der abendländischen Geisteskrankheit JF gipfelt bekanntlich in „Auschwitz“. Hierzu hat Gunnar Heinsohn 1995 nicht weniger als 42 bekanntere Theorien zusammengestellt, denen er eine ernstzunehmende weitere hinzufügt. Die große, ja zentrale Bedeutung des religiösen Aspekts der JF wird kaum bestritten, aber im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus immer noch gern ignoriert. Dabei war die JF von Anbeginn Bestandteil der sogenannten christlich-abendländischen Kultur und ist es in Restbeständen noch heute. Sie ist zwar bestens erforscht, wird aber trotzdem als Thema in der Alltagswelt immer noch etwas tabuisiert, wie religiös-weltanschauliche Themen allgemein. Das hat Gründe.

3. Noch heute beliebt ist hierzulande die Theorie, die gigantischen Untaten zur NS-Zeit seien in erster Linie die eines verbrecherischen und gottlosen Systems. Diese Aussage trifft aber allenfalls in einem unmittelbar-vordergründigen Sinn zu und verdeckt weit mehr, als sie zu erklären vermag. An der am 16.3.1998 vom Vatikan veröffentlichten Erklärung „Wir erinnern – Eine Reflexion über die Shoah“ ist demgegenüber jedenfalls die Fragestellung richtig. Ich zitiere aus Abschnitt II: „Die Tatsache, daß die Shoah in Europa stattfand, d.h. in Ländern mit einer langen christlichen Zivilisation, wirft die Frage nach der Beziehung zwischen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und der Haltung der Christen gegenüber den Juden während der Jahrhunderte auf.“ Das Dokument enthält im übrigen, wie es in der Süddeutschen Zeitung zutreffend, aber noch zurückhaltend hieß, „einige Geschichtsglättungen“ (SZ 17.3.1998 S.4). Im Gegensatz hierzu steht etwa die klare Aussage in dem von Franz Kardinal König 1988 begründeten „Lexikon der Religionen“: „Ohne die nahezu 2000 Jahre christlicher Judenfeindschaft ist Auschwitz nicht möglich gewesen…Der Antijudaismus der Christen…entlarvt sich in jeder Form als Ideologie.“ (a.a.O., 1988, TB-Ausg. 1995, Art. Antijudaismus/Antisemitismus). Eine solche Erkenntnis ist im deutschen Protestantismus schon seit langem auch offiziell zu Hause.

4. Die These „ohne religiöse Judenfeindschaft kein Auschwitz“ bezeichnet selbstverständlich nur einen Strang aus der Reihe zusammen notwendiger Ursachenkomplexe. So gilt z.B.: ohne Weltwirtschaftskrise und ohne rassisch-völkischen Antisemitismus kein Hitler; ohne Krieg kein systematischer Judenmord, und ohne Untätigkeit der wohlinformierten politischen Führung der Westmächte kein Genozid dieses Ausmaßes. Ich komme nun zu den Anfängen der religiösen Judenfeindschaft.

II. Die christliche Antike

1. JF ab es schon seit dem 5. vorchristlichen Jh., als die Juden in zahlreichen Ländern ansehnliche Diasporagemeinden gründeten. Sie wurzelte in der allgemeinen Abwehr des Fremden, hier verstärkt durch die andersartige, nämlich streng monotheistische Religion. In römischer Zeit kam es sogar vereinzelt zu Pogromen, obwohl Rom grundsätzlich die Religionen der beherrschten Völker aus Machtkalkül tolerierte und ihre Gleichstellung garantierte. Im Gegensatz dazu stand freilich die überaus harte Herrschaft im besetzten jüdischen Land. Die antike Judenfeindschaft ist ein gesondert zu behandelndes Spezialthema, dessen Kern allgemein-kultureller und nicht speziell religiöser Natur ist.

2. Das Spannungsverhältnis zwischen Hellenismus und Judentum, römischem Machtanspruch und jüdischem Freiheitsdurst wandelte sich mit dem erstarkenden jungen Christentum, das sich in Form des paulinischen Heidenchristentums zwangsläufig vom Judentum abgrenzte. Der Antagonismus zwischen der judenchristlichen und heidenchristlichen Richtung kommt bekanntlich schon in der Apostelgeschichte zum Ausdruck. Gerade Verwandtes sucht gern die scharfe Abgrenzung, und so herrschte zwischen Juden und paulinischen Christen von Anfang an gegenseitige Feindschaft, in deren Mittelpunkt zunächst das Messiasproblem stand. Dieses gehörte zum Kern der neutestamentlichen Überlieferung, und auf dieser fußte der christliche Judenhass. Jesus als Christus, als Gesalbter bzw. Messias, ist eine theologische Komposition. Angesichts einer äußeren Lebensgeschichte, die in einer Katastrophe endete, bedurfte sie einer Legitimation. Sie erfolgte in den beiden überlieferten Stammbäumen Jesu, wonach dieser, bei aller Unterschiedlichkeit der Stammbäume im übrigen, nicht nur von Abraham (bei Matthäus, 1,1) bzw. Adam (bei Lukas, 3,23), sondern jeweils auch von König David abstammte (und bei Josef endete, was mit der Jungfrauengeburt nicht zusammenpasst). Auf diesen Messias werden nachträglich Weissagungen des jüdischen AT bezogen, so dass die Juden ihren eigenen Messias verkannt und umgebracht haben: wider besseres Wissen, das in ihren heiligen Schriften enthalten ist. Diese Verstocktheit des Unglaubens steigert sich natürlich mit der Vergottung des Jesus aus Galiläa. JF ist im Ergebnis nichts anderes als die Kehrseite der Christologie (Lüdemann 111 ff.; Ruether 112). So gesehen ist die JF das existenzstiftende Moment des Christentums, das ja in seiner Form als Judenchristentum ohne vergöttlichten Jesus bald untergegangen ist. Die Fortexistenz des Judentums hingegen ist auch heute noch notwendigerweise ein Stachel im christlichen Denken.

3. Auch, wenn man sich nur vorsichtig auf das theologische Glatteis begeben will, ist es doch auch ohne solche theoretischen Überlegungen legitim, auf die überaus zahlreichen judenfeindlichen oder doch zumindest so klingenden Stellen hinzuweisen, die in neutestamentlichen Schriften enthalten sind, ungeachtet der Fragen ihrer Authentizität und ihrer Widersprüche. Einige Beispiele: Schon der älteste Text des NT, der (echte) 1. Paulusbrief an die Thessalonicher (Gde. von Saloniki), ist eine anitjüdische Feindschaftserklärung. Pauschal heißt es dort über die Juden: „Diese haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn Gottes ist schon über sie gekommen.“ (1 Thess. 2,15 f.). Nur wenige Sätze vorher hatte Paulus seine Verkündigung als Wort Gottes bekräftigt. Nun kann man Paulus, selbst jüdischer Herkunft, noch eine Art jüdischer Hassliebe zugutehalten sowie die bekannten Stellen im 11. Kap. des Römerbriefs, wonach schließlich ganz Israel gerettet werde. Kaum mehr möglich ist derartiges beim Johannesevangelium, dem mit Abstand judenfeindlichsten.

Durch die Jahrhunderte besonders verhängnisvoll wirkte die bekannte Selbstverfluchung bei Mt 27,25: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Mt 23,29 ff. schreibt Jesus das Wort zu: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler!…ihr macht es voll, das Maß eurer Väter!…ich sende zu euch Propheten, Weise und Schriftgelehrte; die einen von ihnen werdet ihr töten und kreuzigen; andere von ihnen werdet ihr in euren Synagogen geißeln und von Stadt zu Stadt verfolgen, damit alles gerechte Blut, das auf Erden vergossen wurde, über euch komme…“ Die Apostelgeschichte enthält eine Reihe von Stellen, in denen die Juden pauschal als Jesusmörder gebrandmarkt werden, Grundlage der bis in die 2. Hälfte des 20. Jh. andauernden Gottesmördertheologie. Während der älteste Evangelist Markus nur die jüdische Führungsschicht anklagte, beschuldigte schon Matthäus das gesamte jüdische Volk. Lukas hielt sich zwar in seinem Evangelium zurück, schloss sich aber in der Apostelgeschichte dem Verwerfungsmythos an.

Im Johannesevangelium, Jahrzehnte nach der Zerstörung Jerusalems (im Jahr 70) geschrieben, erscheinen die Juden – stets generell – an etwa 50 Stellen als Gegner Jesu und trachten ihm nach dem Leben. Kein Wunder, lautet doch ein johanneisches Jesuswort (Jo 8,44): „Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an.“ Das Johannesevangelium macht Judas zum Urtyp jüdischer Geldgier und die Juden zu einer Art kosmischen Unheilsmacht.

Zu dieser Zeit waren die meisten der Judenchristen, zu denen ja nach dem NT die Gefährten und Familienangehörigen Jesu gehörten, bei der Zerstörung Jerusalems umgekommen, ihre ursprünglich starke Position war nur noch unbedeutend. Die hellenistisch-römische Kultur war jedoch judenfeindlich, und dazu passte die judenfeindliche und romfreundliche Tendenz der neutestamentlichen und anderer christlicher Schriften. Bemerkenswert ist, wie der Prokurator Pilatus in den Evangelien behandelt wurde: Historisch gesichert war er als sehr brutal und korrupt bekannt. Die religiös hochempfindlichen Juden kränkte er schwer durch für diese gotteslästerliche Standarten und provokative Münzen mit dem Kaiserbild, das dem biblischen Bilderverbot widersprach. 6000 bis 8000 Juden ließ er in seiner 10-jährigen Amtszeit kreuzigen, und nach einem sinnlosen Blutbad wurde er seines Amtes enthoben. Und dieser nämliche Unterdrücker wurde als Figur der Passionsgeschichte milde gezeichnet: als wohlmeinender Mann mit menschlicher Schwäche, der Blutvergießen nicht mag, aber vom feindseligen Mob einzuschüchtern ist. Einen Prozess Jesu vor dem jüdischen Synhedrion („Hoher Rat“), der der Auslieferung an die Römer vorangegangen sein soll – was nur die Evangelien nach Johannes und Lukas behaupten, sich dabei aber mehrfach widersprechen – kann es nicht gegeben haben. Diese beiden Passionstexte widersprechen der damaligen jüdischen Rechtspraxis in zahlreichen wesentlichen Punkten, wie insbesondere Pinchas Lapide in seinem Buch „Wer war schuld an Jesu Tod?“ (GTB-Siebenstern, 1987) genau dargelegt hat. Aus historischer Sicht ist es eine der größten historischen Merkwürdigkeiten der Evangelien, gleichermaßen prorömisch wie antijüdisch zu sein (Lit.: statt aller J.D. Crossan, Jesus, München 1996 [Beck’sche Reihe] 179 ff.; W. Fricke, Standrechtlich gekreuzigt, 1986, TB-Ausg. 1988, 264 ff.; G. Lüdemann a.a.O. 78 ff., 111 ff.; H. Maccoby, König Jesus, Tüb. 1982; A. Mayer a.a.O. 246 ff.). Sie ermöglichte aber eine Ausbreitung des Christentums im Reich.

Unabhängig davon, inwieweit judenkritische Passagen des NT auch als innerjüdische Angelegenheit und als nicht eigentlich judenfeindlich interpretiert werden können, blieb doch historisch entscheidend, daß sie von der Entstehungszeit und bis lange nach der Katastrophe des 20. Jh. als judenfeindlich verstanden wurden, und umfangreiche Studien über deutsche Religionsbücher nach 1945 beweisen deren antijüdische Tendenz. Die religiöse JF ist für die heutige christliche Theologie eines der schwierigsten Themen, zielt es doch in den Kern der Entstehung des paulinisch-christlichen Glaubens.

4. JF war eines der Kennzeichen der sich rasch entwickelnden nachpaulinischen Theologie. Daher stellte der berühmte protestantische Kirchenhistoriker Adolf von Harnack (1851-1930) in seinem erfolgreichen Werk über die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten fest, nach übereinstimmender Ansicht aller christlichen Schriftsteller mitsamt den „Kirchenväter“ genannten theologischen Kapazitäten sei Israel „eigentlich zu allen Zeiten die After- bzw. die Teufelskirche gewesen.“ Und auch für die nachfolgenden Jahrhunderte gilt, dass die Judenfeindschaft eine ganze christliche Literaturgattung ausmachte. „Adversus Judaeos“, Gegen die Juden, hießen zahlreiche Werke. Selbst Origenes, der vielleicht bedeutendste Theologe der christlichen Frühzeit, schrieb etwa: „Das Blut Jesu haftet nicht nur an jenen, die Jesu Zeitgenossen waren, sondern fürwahr an allen künftigen jüdischen Geschlechtern bis ans Ende der Zeiten.“ Stellvertretend für diese Zeit seien die berühmten acht antijüdischen Predigten des Hl. Johannes Chrysostomus (um 350-407) genannt, des größten Predigers der griechischen Kirche:

Eine Kostprobe:

„Wenn einer den Herrn Jesus Christus nicht liebt, so soll er verflucht sein.“ (1.Kor 16,22). Was aber gäbe es für einen größeren Beweis dafür, dass einer den Herrn nicht liebt, als wenn er gemeinsam mit seinen Mördern das Fest feiert? Diejenigen habe nicht ich verflucht, sondern Paulus, vielmehr auch nicht Paulus, sondern Christus, der durch jenen spricht… Wenn ihr euch schämt, den Grund zu sagen, so will ich ihn euch nennen, vielmehr nicht ich, sondern die objektive Wahrheit. Weil ihr Christus getötet habt…weil ihr sein kostbares Blut vergossen habt, deshalb gibt es für euch keine Besserung mehr, keine Verzeihung und auch keine Entschuldigung. Denn damals ging der Angriff auf Knechte, auf Moses, Jesaja und Jeremia. Wenn auch damals gottlos gehandelt wurde, so war das…noch kein Kapitalverbrechen. Nun aber habt ihr alle alten Untaten in den Schatten gestellt durch die Raserei gegen Christus. Deshalb werdet ihr auch jetzt mehr gestraft. Denn, wenn dies nicht die Ursache eurer gegenwärtigen Ehrlosigkeit ist, weshalb hat euch Gott damals ertragen, als ihr Kindermord begangen habt, wohingegen er sich jetzt, da ihr nichts derartiges verübt, von euch abwendet? (Zitate aus: Kirche und Synagoge I, 163) Ich weiß, dass viele Gläubige den Juden und ihren Zeremonien eine gewisse Achtung zollen. Dies veranlasst mich, mit dieser verhängnisvollen Meinung gründlich aufzuräumen…Da sie den Vater verleugnet, den Sohn gekreuzigt und die Hilfe des Geistes zurückgewiesen haben, wer würde da noch behaupten wollen, die Synagoge sei nicht eine Heimstatt von Dämonen? Gott wird dort nicht verehrt, es ist nur ein Haus des Götzendienstes…Die Juden leben für ihre Bäuche, sie streben nach den Gütern dieser Welt. In Schamlosigkeit und Gier übertreffen sie noch die Schweine und Ziegen…Die Juden sind von Dämonen besessen, sie sind unreinen Geistern überantwortet…Anstatt sie zu begrüßen und auch nur mit einem Wort anzusprechen, solltet ihr euch von ihnen abwenden wie von der Pest und einer Geißel der Menschheit. Zit. aus G.A. Craig, Über die Deutschen, 1982, 144 f.

Die Anklage des Chrysostomus steigert sich in Bezug auf das jüdische Vergehen gegen die Trinität. Die Synagoge ist für Chrysostomus der Ort, wo Christi Mörder zusammenkommen, das Kreuz verstoßen und Gott gelästert wird, der Vater nicht bekannt, der Sohn geschmäht und die Gnade des lebenspendenden Geistes zurückgewiesen wird. Das große Lexikon für Theologie und Kirche, 2.A. (1960), rühmt den hl. Chrysostomus, er habe als Prediger an der Bischofskirche durch sein zündendes Wort eine einzigartige seelsorgerische Tiefenwirkung erzielt, die ihm den Ehrennamen „Goldmund“ und ein nie mehr erloschenes Ansehen eingebracht habe.

5. Das große Kapitel des christlich-antiken Judenhasses kann man, so geschehen in dem monographischen Artikel „Antisemitismus“ in der Theologischen Realenzyklopädie (Bd.3, 1978, 135), wie folgt resümieren:

Zusammenfassend ist zu sagen, daß die frühchristliche Literatur von einer konsequenten Judenfeindlichkeit durchzogen ist, die alles übertrifft, was ältere oder gleichzeitige heidnische Schriften in dieser Hinsicht bieten, und die als eine offizielle Ideologie gelten kann. Sie ist darauf abgestellt, Volk und Glauben der Juden zu diffamieren und verächtlich zu machen…und findet ihren Ausdruck in polemischen Schriften, Predigten, Bibelexegese und Geschichtsschreibung – eigentlich in der gesamten Literatur der Kirche – und später, als das Christentum Staatsreligion des römischen Reiches wird, überdies in antijüdischer Gesetzgebung und illegalen Ausschreitungen. Mit Anbruch des 4. Jh. tritt uns diese Ideologie, deren Anfänge sich in den ersten und am schlechtesten dokumentierten Phasen der Kirchengeschichte verlieren, bei den Lateinischen, Griechischen und Syrischen Kirchenvätern als konsistentes System universaler Geltung entgegen.

Die byzantinisch-christlichen Kaiser verschärften nach und nach auf kirchlichen Druck ihre mit dem Erstarken des Christentums einsetzende Judengesetzgebung immer mehr (vgl. TRE a.a.O. 132). Im Westreich stellte die Synode von Elvira (bei Granada) schon 306 Ehen zwischen Christen und Juden unter Strafe, der Umgang mit Juden wurde mit Exkommunikation bedroht. Das erste Gesetz, das die Kirche dem christlich gewordenen Reich Konstantins aufzwang, war das Verbot für Juden, zu missionieren. Konstantins Söhne bedrohten Mischehen mit der Todesstrafe, den Übertritt eines Christen zum Judentum (das lange Zeit sehr attraktiv geblieben war) mit der Konfiskation des gesamten Besitzes, und 404 wurden Juden aus dem Heer und allen Staatsämtern entfernt.

Die erste bekannte christliche Niederbrennung einer Synagoge, im mesopotamischen Kallinikon, erfolgte 388 auf bischöfliche Hetze anläßlich einer christlichen Prozession. Der empörte Kaiser Theodosius befahl die Bestrafung der Übeltäter und den Wiederaufbau der Synagoge auf Kosten des Ortsbischofs, sehr zum Missfallen des mächtigen Mailänder Bischofs Ambrosius. Dieser heilige Marienverehrer, Begründer des lateinischen liturgischen Hymnus, einer der vier großen lateinischen Kirchenlehrer und Lehrer des Augustinus, bedauerte, die Synagoge in Mailand nicht mehr anzünden zu können, weil das schon ein Blitzschlag als göttlicher Urteilsspruch besorgt habe, und rügte den Kaiser scharf.

…Dies ist kein Grund für solche Erregung, daß wegen eines verbrannten Gebäudes das Volk so streng bestraft werden soll, und um so weniger, da eine Synagoge eingeäschert worden ist, dieser…Ort des Unglaubens, diese Heimstatt der Gottlosigkeit, dieser Schlupfwinkel des Wahnsinns, der von Gott selbst verdammt worden ist…Was hat der Fromme gemein mit dem Ungläubigen? Mit dem Ungläubigen müssen auch die Bezeugungen des Unglaubens ausgerottet werden… (zit. nach Kirche und Synagoge I, 92)

Und Theodosius nahm sein Reskript zurück. Und so ging die Geschichte des Judenhasses und der judenfeindlichen Erlasse fort durch die Jahrhunderte.

6. Auch Augustinus, 1000 Jahre erste theologische Kapazität, beschuldigte die Juden des Verbrechens der Gottlosigkeit, so daß Jerusalem zu Recht zerstört worden sei. „Natterngezücht“ nannte er sie und „aufgerührter Schmutz“, „triefäugige Schar“. Ewige Knechtschaft verdienten die Juden, nicht Tötung, sondern stete Schmach: „So ist nun der Jude der Sklave des Christen…Das ist allbekannt und erfüllt den Erdkreis.“ Unter Justinian dem Großen, Schöpfer des Corpus Juris Civilis, wurden die Juden völlig entrechtet, im arianischen Ostgotenreich Theoderichs besserte sich ihre Lage, aufatmen konnten sie auch im arianischen westgotischen Spanien, bis König Rekkared 587 zum Katholizismus übertrat. Auf einem Nationalkonzil wurden dann sogleich Raub und Zwangstaufe von Kindern aus Mischehen gebilligt, eine Tradition, die noch Papst Pius IX. 1858 wieder aufnahm (der berüchtigte Fall Mortara). Später hieß die Parole: Taufe oder Tod. Kirchenlehrer Isidor von Sevilla (gest. 633) hieß die zahlreichen antijüdischen Gesetze gut. Eine Bischofssynode beschloß 694 einen Text, in dem es u.a. heißt: „So wie es die Rechtschaffenheit der Treuen verdient, mit großem Lohn bedacht zu werden, so ist es angemessen, die Verworfenheit der Untreuen mit der strengen rächenden Schneide des Schwertes zu verfolgen.“ Die spanischen Juden des 7. Jh. waren vollkommen entrechtete allgemeine Sündenböcke, bis sie dann mit dem Sieg der muslimischen Araber 711 erlöst wurden.

III. Mittelalter und Neuzeit

1. Ich muss nun in großen Sprüngen weitereilen. Fast 700 Jahre lang entwickelte sich in Spanien, das ohne großen Widerstand von den Arabern erobert worden war, das goldene Zeitalter der „Kultur der drei Ringe“. In ihr wurde allen nichtmuslimischen Religionen volle Kultfreiheit zugebilligt. Juden wurden unverzichtbare Mittler zwischen der überlegenen östlichen und der westlichen Kultur, indem sie arabische Werke ins Lateinische übersetzten und auch sonst etwa als Ärzte und Verwaltungsfachleute großen Einfluss ausübten. Es gab gemeinsame jüdisch-christliche Gebetsstunden und andere gemeinsame religiöse Feierlichkeiten, in Einzelfällen sogar weit bis in die Zeit der Reconquista hinein. In dieser Periode waren die Juden in der neuen christlichen Hofbürokratie unersetzlich. Konzilien und Klerus erzeugten aber allmählich einen judenfeindlichen Geist, was auch die Herrscher zu einer Änderung von Verhalten und Gesetzgebung veranlassten. Die Periode religiöser Toleranz endete, nachdem bedeutende christliche Judenhetzer wie Ferrand Martinéz, Führungsfigur des Taufkriegs von Sevilla (1391) mit seinen tausendfachen Judenmorden und der hl. Vicente Ferrer gründliche Vorarbeit geleistet hatten, mit den Schauerlichkeiten der 1478 begründeten Spanischen Inquisition.

Ihre Opfer waren hauptsächlich die zwangsgetauften Juden, die man gern Marranen nannte, von marrano, das Schwein. Massenhinrichtungen fanden statt, feierliche Glaubensschauspiele mit anschließenden Verbrennungen (Autodafés). Als Kolumbus 1492 in See stach, fand in Spanien die bis dahin größte Judenvertreibung überhaupt statt: es waren hunderttausende von Menschen. 1506 veranstalteten Mönche die „Bluthochzeit von Lissabon“. Dabei wurden an Ostern in zwei Tagen etwa 2000 Juden verbrannt. Von Anfang an war die Spanische Inquisition von rassistischem Gedankengut durchsetzt. Aufgehoben wurde sie gegen starken Widerstand der Geistlichkeit erst 1834, die Nachwirkungen dauerten lange an. Bis 1865 verlangte ein spanisches Gesetz z.B. für Eheschließung und Staatsdienst einen Ahnennachweis, der gesellschaftlich auch danach noch wichtig war.

2. Ausserhalb Spaniens lebte das christlich-germanische Europa bis zum 12. Jh. – im Gegensatz zur byzantinischen Rechtlosigkeit der Juden – im großen und ganzen friedlich mit den Juden zusammen, weil meist eine starke antijüdische Propaganda fehlte. Im einzelnen war die Situation sehr unterschiedlich. Hingewiesen sei z.B. auf haßerfüllte judenfeindliche Schriften des hl. Agobard (769-840), Bischof von Lyon, denen schon wesentlich weiter verbreitete Schriften seines Nachfolgers Amulo folgten. Das Oberhaupt der Juden von Bordeaux wurde 300 Jahre lang jeden Freitag vor der Kathedrale zur Volksbelustigung geohrfeigt, und in den katalanischen Pyrenäen entwickelte sich der mörderische Brauch des Klöppelschlagens am Gründonnerstag, beginnend mit einem priesterlichen Zeichen. Seit Jahrhunderten kannte die westliche Kirche die Bitte aus der Karfreitagsliturgie Oremus et pro perfidis Judaeis – Lasset uns auch für die ungläubigen, treulosen Juden beten. Diese Bitte erhielt im 9. Jh. eine spezielle Stoßrichtung, wurde doch jetzt die bei der Kreuzesverehrung oftmals ausgesprochene Weisung flectamus genua – beugen wir die Knie – bei der demütigenden Fürbitte für die Juden, das gottesmörderische Volk, demonstrativ unterlassen. Diese Tradition hielt bis weit nach dem Holocaust an, bis Johannes XXIII. sie 1959 unterband. Karfreitag wurde in Europa für die Juden ein gefährlicher Tag, an dem immer wieder Blut floß. Daher wurde den Juden oft zu ihrem Schutz verboten, am Kartag die Straße zu betreten.

3. In Deutschland begann das eigentliche Tal der Tränen für die Juden mit dem 1. Kreuzzug. Verhängnisvoll wirkte sich hierbei aus, daß ein wahnsinniger Kalif um 1007 u.a. die Jerusalemer Grabeskirche zerstörte. Diese völlig untypischen Untaten schob man den Juden als Veranlasser zu, da sie doch in Spanien ein gutes Verhältnis zu den dortigen Mauren hatten. Daraus entwickelte sich eine Judenhetze als Vorgeschichte der Kreuzzüge, angeführt etwa von einem Geschichtsschreiber wie Radulphus Glaber, der den Judenmord zum gottgefälligen Werk erhob. Als dann Papst Urban II., wohl nach dem großen Kirchenschisma von 1054 – die Wiedergewinnung des Ostens im Auge – 1095 den Kreuzzug predigte, war die Zeit reif. Hatte man nicht den Teufel sogar im eigenen Land?

Es folgten riesige Judengemetzel in den großen rheinischen Judengemeinden wie Speyer und Mainz, aber auch zahlreichen anderen deutschen Städten, wobei Bischöfe teilweise gegen Gold und Geld Schutz gewährten. Um der Ermordung zu entgehen, begingen z.B. 1096 in Worms mehrere hundert Juden rituelle Selbsttötung. Über einen Mainzer Massensuizid berichtet Salomon bar Simeon etwa so: „Und die Frauen gürteten mit Kraft ihre Lenden und schlachteten ihre Söhne und Töchter und dann sich selbst…“ usw. Und in Jerusalem, wo die Kreuzfahrer sangen: „Jerusalem frohlocke! Von Blut viel Ströme fließen, indem wir ohn‘ Verdrießen das Volk des Irrtums spießen…“, ließ man, viel geistlichen Beistand hatte man ja, die Juden lebendig in ihrer Synagoge verbrennen.

Nicht besser erging es den übriggebliebenen Juden in Deutschland und anderswo anlässlich des 2. Kreuzzugs. Das Mordgesindel vermochte nicht so feinsinnig zu unterscheiden wie der hl. Petrus Venerabilis, der Ehrwürdige, Abt von Cluny und Freund des Bernhard von Clairvaux. Laut Petrus will nämlich Gott nicht, dass die Juden „ganz getötet werden, dass sie vollkommen zum Verschwinden gebracht werden, sondern dass sie zur größeren Qual und zur größeren Schmach…zu einem Leben schlimmer als der Tod bewahrt bleiben…“ (Kirche und Synagoge I, 120). Zur Kreuzzugszeit, um 1140, wurde übrigens das Decretum Gratiani, eine für das kanonische Recht grundlegende Rechtssammlung geschaffen, die auch zur Verschärfung der antijüdischen Gesetzgebung beitrug.

4. Das 13. Jh. war, so der bedeutende Mediävist Jaques Le Goff, „ein Jahrhundert lichtvoller Geistigkeit“, in dem gleichzeitig „das Christentum auf dem Höhepunkt“ war: eine Zeit der beginnenden experimentellen Naturwissenschaft, des Aufstiegs der Universitäten und der Blüte der italienischen Städte, ein Jahrhundert, in dem auch der menschenfreundliche Thomas von Aquin lebte. Über dasselbe Jahrhundert kann man – unüblich, aber historisch gleichermaßen korrekt – auch sagen, in ihm habe die Kirche nicht nur triumphiert, insbesondere durch die genozidale Ausmordung der Katharer, sondern sie habe den Judenhass zum offiziellen Kirchenprogramm erhoben. Schon im 3. Laterankonzil von 1179, einem sog. ökumenischen Konzil, hatten 300 Bischöfe antijüdische Vorschriften bestätigt, sollten doch die Juden nur leben, damit ihr leidvolles Dasein die Herrlichkeit Christi umso mehr leuchten lasse. Nach langer Vorbereitung, begleitet vom Rat der gelehrtesten Theologen, fand 1215 das 4. – ökumenische – Laterankonzil statt, mit ca. 1300 Teilnehmern selbst aus dem Osten das größte Konzil der Christenheit vor dem 2. Vatikanum. Angesichts verheerender innerkirchlicher Missstände und existentieller Bedrohung der Kirche insbesondere durch die friedliebenden Katharer geißelte der mächtige Papst Innozenz III. schon in seiner Begrüßungsansprache die verderbte Geistlichkeit. Neben der Kirchenreform waren aber auch Kreuzzugsfanatismus und Ketzerausrottung mit Feuer und Schwert angesagt, und der Juden nahm man sich sehr eingehend an. Scharf bekämpft wurden die so genannten jüdischen Wucherzinsen, obwohl die Juden selbst mit unanständig hohen Sondersteuern belegt waren. Zur Diskriminierung und gesellschaftlichen Ächtung schrieb man für die Juden Sondertracht bzw. Kleiderzeichen vor. Das Konzil schloss die Judenschaft von allen handwerklichen Berufen und praktisch aus der Gesellschaft aus, wobei sich die Abdrängung in die Geldberufe verheerend auswirkte.

In einem psychologischen Zusammenhang mit der ebenfalls 1215 dogmatisierten Lehre von der Transsubstantiation standen die seitdem häufig auftretenden und mörderischen Beschuldigungen des Hostienfrevels und des Ritualmordes. Die dabei den Juden angedichteten durch Mordblut angereicherten Sakralmähler stellten eine Art jüdischer Gegenkommunion dar, die zu Pogromen herausforderten. In Frankreich kam es im 13. Jh., teils auf päpstliche Forderung, teils auf Betreiben der Inquisitoren, zu zahlreichen Verbrennungen des Talmud und anderer jüdischer Literatur, und der bedeutende schottische Theologe Duns Scotus forderte im 13. Jh. für die Juden eine Insel als Verfluchten-Reservat. Papst Nikolaus III. etablierte ebenfalls im 13. Jh. Zwangspredigten für die römischen Juden, die gern auf den Sabbat gelegt wurden, und sie hörten erst auf, als die napoleonischen Truppen Rom eroberten.

5. Für das Mittelalter und die späteren Jahrhunderte können die endlosen Demütigungen und Verfolgungen der europäischen Judenheit durch Kirche, weltliche Gewalt und Volk mit oft ausserordentlich schöpferischen Grausamkeiten und tödlichen Pogromen im Folgenden nur durch Stichworte, und auch diese nur unvollständig andeutungsweise skizziert werden:

Beschuldigungen des Ritualmords und des Hostienfrevels mit anschließenden z.T. pogromartigen Morden; speziell: europaweite Verbreitung des Greuelmärchens über einen Ritalmord an dem Knaben Simon von Trient ab 1475; komplette Austreibungen aus Städten und Ländern; Zwangspredigten; z.T. mörderische Judenhetze durch Prediger wie Johannes von Capestrano, der wegen seiner europaweiten Tätigkeit im 15. Jh. „Geißel der Juden“ genannt wurde, heiliggesprochen 1690; Kammerknechtschaft; entwürdigende Eidesleistung auf Schweinshäuten; Inquisition für Zwangschristianisierte; Verbrennungen; Kontaktverbote; Vermögenskonfiskation; Papstkrönungen mit ritualisierter Verachtung der Thora; römischer Karneval mit grausamen Judenrennen u.a.; Judenfleck und Judenhut; Verteufelung, Verhöhnung und Angriff in Wort und Bild: durch Traktate, Legenden, Gemälde, Plastiken wie die Judensau an Kirchen; Flugblätter. Die berühmten Maler Matthias Grünewald, Hieronymus Bosch und El Greco etwa malten entschieden antijüdisch. Weiter sind zu nennen Zwangstaufen mit anschließender jüdisch finanzierter Zwangschristianisierung; oft übermäßig hohe Sonderabgaben aller Art, z.T. Kommunionpfennig genannt; Friedhofsschändungen, Boykottaufrufe usw. Etliche deutsche Dome wurden auch mit Hilfe jüdischer Steuern erbaut, und Juden durften auch das Konzil von Konstanz mitsamt seiner 800 Huren mitfinanzieren, zur Vermeidung einer Verbrennung. Der große Humanist Erasmus von Rotterdam prägte den Satz: „Wenn es zu einem guten Christen gehört, die Juden zu verabscheuen, dann sind wir alle gute Christen.“

Besonders wirkungsvoll waren die verschiedenen Aspekte des „Karfreitagskomplexes“. Die kirchliche Machtpolitik übersetzte sie „in ein lückenloses Nachrichtennetz von Predigten, Exerzitien, Inquisitionen, Kreuzwegen, Gnadenbildern, Wallfahrtsstätten, Bildgeschichten, Passionsspielen und volksmissionarischen Bußfeldzügen“, mit dem sie ganz Europa überzog und seelisch kontrollierte (R. Kreis, 1999, S. 22). In etlichen Ausstellungen und Bildbänden war und ist eindrucksvoll zu sehen, wie die antijüdischen Gewaltorgien in Erzeugnissen der Kunst gewissermaßen heiliggesprochen wurden (vgl. R. Kreis S. 35). So wurde „der Jude“ zum metaphysischen Feind. Das Christentum konnte die fortdauernde Existenz des Judentums nicht ertragen.

6. Die Reformation brachte den Juden keine Erleichterung. Es war eine Zeit scharfer Gleichsetzung der Juden mit dem Teufel. Eine anfangs ungewöhnlich menschenfreundliche Einstellung Luthers zu den Juden schlug später, vielleicht wegen ausbleibender Missionserfolge, in abgründigen Hass um, der 1543, drei Jahre vor seinem Tod, in seiner umfangreichen Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gipfelte. Sie wurde von den Nazis gern ausgeschlachtet. Die großartigen geistigen Leistungen der Juden des Frankfurter Gettos, seinerzeit Zentrum der deutschen Judenheit, entstanden im Gestank einer extremen Pferchsituation entlang eines Abwasserkanals. Ziemlich unstreitig brach erst die Aufklärung einer allmählichen Judenemanzipation Bahn, vor allem die Französische Revolution. So heißt es etwa bei Erika Weinzierl in der Theologischen Realenzyklopädie: „…Die Verfolgung und Bedrückung der Juden haben…erst aufklärerische Philosophen, die zugleich die Macht und den Einfluß der Kirche bekämpften, als menschenunwürdiges Unrecht angesehen und sich für dessen Beseitigung eingesetzt.“ Dass selbst die Aufklärung erhebliche antijüdische Tendenzen hatte, steht auf einem anderen Blatt.

IV. 19. und 20. Jahrhundert

1. Im Europa des 19. Jh. wurde das jüdische Getto, ausgenommen in Russland und in Rom, aufgebrochen mit der Folge der Freisetzung einer überlegenen jüdischen Geistigkeit: die Epoche der Assimilation begann, unterbrochen durch herbe Rückschläge. Wer in die oberste öffentliche Schicht vordringen wollte, musste trotz allmählich verbesserter Rechtsstellung die Taufe als Eintrittsbillett akzeptieren. Die rechtliche Gleichstellung der Juden in deutschen Landen als Frucht der Aufklärung und des Liberalismus wurde erst zwischen 1861 und 1869 erreicht.

Alle großen Leistungen und der große Patriotismus der deutschen Juden nutzte diesen aber auf Dauer nichts. Ein großer Teil der deutschen Elite war und blieb mehr oder weniger scharf antijüdisch eingestellt.

Als wenige Beispiele seien genannt Richard Wagner, der Nationalökonom Karl Eugen Dühring, der berühmte Rechtsgelehrte Franz Eduard von Liszt, der Prot. Kirchenrechtler Rudolf Sohm, die Historiker Heinrich von Treitschke und Eduard Meyer, der einflußreiche wahldeutsche Kulturphilosoph Houston Stewart Chamberlain, stellvertretend für zahllose andere. Besonders unselig wirkte der Dom- und Hofprediger Adolf Stöcker, Führungsfigur auch der Inneren Mission, dem es gelang, die deutschen Lande durch seine Hetzpredigten aufzuwühlen. Noch 1892 stellte er im Reichstag die Ritualmordlegenden als historisch wahr dar. Übrigens wurde Ende des 19. Jh. in der Donaumonarchie im Gefolge christlicher Hetzprediger eine Hysterie erzeugt, in deren Folge eine ganze Serie von Ritualmordprozessen durchgeführt wurden. 22 Jahre wirkte Stoecker im Reichstag, und, wie der Protestant Günter Brakelmann 1982 schrieb: „Der Antisemitismus strukturierte und vitalisierte alles, was er sagte, schrieb und tat.“ Er sprach von der parasitären jüdischen Existenz, ließ tätliche Exzesse seiner Zuhörer zu und hatte wesentlichen Anteil an einer 1881 beim Reichstag eingereichten scharfen antjüdischen Petition mit 255 000 Unterschriften.

Seit 1878 rollten ununterbrochen auf allen gesellschaftlichen Ebenen unter Mitwirkung insb. der prot. Geistlichkeit antijüdische Agitationswellen über das deutsche Land. Zutiefst entwürdigende und sogar ins Mörderische gehende Karikaturen und Hetzgedichte wurden massenhaft, etwa auf Postkarten, verbreitet. Ergebnis ist nach umfangreichen Quellenforschungen insb. des prot. Historikers Werner Jochmann, dass in dieser Zeit eine feste Legierung zwischen Protestantismus, Politik und Antisemitismus entstand, die noch nach 1945 schwarze theologische Blüten trieb. Der aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche ab etwa 1870 aufflammende neue Antisemitismus, ein Begriff dieser Zeit, trug zwar in erster Linie politisch-völkisch-rassische Züge. Er war aber stets begleitet von allgemeiner religiöser Judengegnerschaft beider Konfessionen – theologischer wie volkhafter – und konnte auf dieser aufbauen. Bemerkenswert, daß die Judenfeindschaft bei den Intellektuellen stärker war als im einfachen Volk. Unter umfassender Auswertung vor allem preussischer Archive legte Dietz Bering 1988 in seiner Habilitationsschrift „Der Name als Stigma“ (betr. die Zeit von 1812-1933) eindrucksvoll dar, wie die Staatsverwaltung die Juden systematisch durch rechtliche Vorschriften und die Verwaltungspraxis entwürdigte, wenn sie versuchten, ihnen aufgedrängte diskriminierende Namen zu ändern.

Die bislang gängige Auffassung, die religiöse Judenfeindschaft in Deutschland sei bei den Protestanten stärker ausgeprägt gewesen als bei den Katholiken, hat sich nach den jüngsten Forschungen von Olaf Blaschke zum katholischen Antisemitismus (1997) als unrichtig erwiesen.

Im katholischen Österreich stand der erste große Parteitag der Christlich-sozialen Partei 1886 im Zeichen des Antisemitismus, und ihr Führer, der bedeutende Wiener Bürgermeister Lueger, war ein leidenschaftlicher Antisemit. Nach dem Untergang der Donaumonarchie erdrosselt 1920 auf einem Wahlplakat dieser Partei die jüdische Satansschlange den Staatsadler. Entsprechungen hierzu gab es im Deutschland der Weimarer Zeit zuhauf.

2. Nach 1918 waren die deutschen Juden trotz des Patriotismus ihrer 12 000 gefallenen Frontsoldaten die Hauptschuldigen, und zahlreiche große Verbände und berufsständische Vereinigungen und vor allem die angesehenen bürgerlichen Zeitungen und Fachzeitschriften ließen die antisemitische Flut steigen. Der Geist des Rassen- und Völkerhasses zog in den 20er Jahren bald auch in die Gymnasien ein, und antijüdische Rechtsbrüche waren an der Tagesordnung. Die unsäglichen „Protokolle der Weisen von Zion“ grassierten, und schon 1923 ließen katholische Studentenverbindungen Studenten mit nur teiljüdischer Abstammung nicht mehr zu. Gerade der hier besonders „unverdächtige“ W. Jochmann weist darauf hin, Geistliche beider christlicher Konfessionen seien für antisemitische Kulturkampfparolen besonders empfänglich gewesen und unter ihrem Einfluss die Redakteure der auflagenstarken Kirchenzeitungen. (Gesellschaftskrise und Judenfeindschaft 149 f.) Und der Protestant Klaus Scholder schreibt zur Weimarer Zeit in seinem schon klassischen Standardwerk zu den Kirchen und dem Dritten Reich:

Man begreift nicht, wie Christen die Flut des Hasses und der Gemeinheit in Kauf zu nehmen bereit waren, die der völkische Antisemitismus auswarf, wenn man sich nicht klar macht, daß durch die Anfänge der politischen Theologie das Recht des Volkes zum Inbegriff des göttlichen Schöpfungswillens geworden war.

Beide Kirchen trugen, insbesondere durch ihre starke Judenfeindschaft, neben einer Reihe anderer Aspekte wesentlich mit zum Untergang der Weimarer Republik bei.

3. Die Kirchen waren nicht nur Objekt des darauf folgenden terroristischen Systems, sondern sie trugen eindeutig viel zu seiner Festigung und seinem Bestand bei. Die katholische Führung, die den NS vor 1933 aus ideologischen Gründen abgelehnt hatte, passte sich mit der herannahenden Machtergreifung dem neuen starken Wind an. Das katholische Zentrum stimmte dem Ermächtigungsgesetz vom 23.3.1933 zu und der Episkopat meinte in einer Kundgebung am 28.3.1933 ausdrücklich: „Für die katholischen Christen…bedarf es auch im gegenwärtigen Zeitpunkte keiner besonderen Mahnung zur Treue gegenüber der rechtmäßigen Obrigkeit…“ Am 5.7.1933 löste sich das Zentrum auf und mit dem am 20.7. im Vatikan feierlich unzerzeichneten Reichskonkordat erfuhr das NS-Regime eine erste internationale Anerkennung. Alle Bischöfe leisteten den Treueid auf das NS-Regime. Ein geheimes Zusatzabkommen betraf bereits die Militärseelsorge für den Fall der allgemeinen Mobilisierung bei einer künftigen allgemeinen Wehrpflicht. Gegen den großen Judenboykott vom 1.4.1933 protestierten weder die katholischen noch die protestantischen Führer öffentlich, obwohl sie wegen der getauften Juden selbst betroffen waren, und SA-Leute durften jetzt wieder in Uniform auf der Kommunionbank knien. Kardinal Faulhaber setzte sich in seinen Adventspredigten von 1933 übrigens keineswegs, wie nach 1945 behauptet, unerschrocken für das jüdische Volk ein. Vielmehr erklärte der Alttestamentler Faulhaber seinerzeit ausdrücklich, nur das AT zu verteidigen, keineswegs aber die jüdischen Zeitgenossen. 1934 verwahrte sich Faulhaber in zahlreichen öffentlichen Schreiben im In- und Ausland gegen die in einer Prager Zeitung aufgestellte Falschbehauptung, er habe in einer Predigt Judenfeindschaft und Rassenlehre angeprangert. Die berühmte Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937 nannte als Grundwert der Ordnung neben Volk und Staat die Rasse. Lediglich eine götzenhafte Überhöhung der im Grundsatz richtigen Rassenpolitik wurde verurteilt. Zum Einmarsch in die CSR am 1.10.1938 sandte Faulhaber im Namen des Episkopats Hitler ein Danktelegramm, und überall wurden Dankgottesdienste abgehalten. Zum 50. Geburtstag des Führers am 20.4.1939 wehten an allen Kirchen die Hakenkreuzfahnen, und lange läuteten die Kirchenglocken beim Sieg über das katholische Polen. Anläßlich des Bürgerbräuattentats des Georg Elser auf Hitler schrieb das Passauer Bistumsblatt am 8.11.1939:

…und so müssen wir der Vorsehung Gottes dankbar sein, daß der Führer, dessen Tod gerade in diesen ernsten Tagen höchster nationaler Kraftanstrengung unabsehbare Folgen gehabt hätte, glücklich gerettet wurde. In diesem Sinne hat auch P.P. XII. durch den Apostol. Nuntius in Berlin dem Führer A.H. seine persönlichen Glückwünsche für seine Errettung übermitteln lassen. Im Namen der bayerischen Bischöfe sandte Kardinal Faulhaber von München ein Glückwunschtelegramm an den Führer und Reichskanzler. (Ginzel, Auschwitz als Herausforderung für Juden und Christen, 1980, S. 219)

Nach dem Suizid Hitlers ordnete Kardinal Bertram, Vorsitzender der Dt. Bischofskonferenz, für den Führer ein Requiem an (Faksimile bei Scholder, 1988, S.237). Beide Kirchen unterstützten Hitlers Außenpolitik und Kriege, und noch Ende 1944 formulierten Bischöfe eindringliche Durchhalteappelle. Nie kam ihnen das Wort „Jude“ oder „Nichtarier“ über die Lippen. Nachdem am 7.4.1933 das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ mit seinem Arierparagraphen verkündet worden war, stellten beide Großkirchen wie selbstverständlich alle geforderten Daten aus ihren umfangreichen und alten Beständen an Tauf- und Heiratsurkunden bereit. Sie ließen sogar eigens Formulare zum „Nachweis der arischen Abstammung“ drucken. Die christlichen Juden erhielten kaum kirchliche Unterstützung, und man isolierte sie vielfach auf den hinteren Kirchenbänken.

Bei den Protestanten war vieles noch schlimmer als bei den Katholiken. Noch während des Nürnberger Reichsparteitags von 1935, der in die Nürnberger Rassegesetze mündete, suspendierten evangelische Kirchenbehörden mehrere Kirchenmusiker jüdischer Abstammung, und bald war die Kirchenmusikerschaft „entjudet“. Selbst klassische Kirchenlieder wurden „entjudet“. 1937 verwahrte sich Kirchenrat Klingler, Sprecher der ca. 18 000 evangelischen Pfarrer, gegen den statistisch völlig unberechtigten Vorwurf, der Pfarrerstand sei verjudet. Er stelle eine schwere Kränkung dar, und aus der Pfarrerschaft sei ein Horst Wessel hervorgegangen. Im April 1939 gründeten gar 13 Landeskirchen in Eisenach das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben“, und bereits 1941 konnten ein „entjudetes“ NT und ein „judenreiner“ Katechismus vorgelegt werden. Zum großen Pogrom vom 9.11.1938 schwiegen beide Kirchen, wie zu allem, was die Juden betraf. Mutige einzelne kath. Priester und Pastoren, deren kritische Predigt manchmal erstaunlich lange von den Nazis hingenommen wurde, wurden regelmäßig durch die kirchliche Hierarchie zum Schweigen gebracht.

Nebenbei: Als die industrielle NS-Tötungsmaschinerie auf Hochtouren lief, unterließen es die USA offenbar absichtlich, mit Tod und Folter bedrohte Juden in größerem Stil zu retten, was trotz des Krieges ohne weiteres möglich gewesen wäre. Im Frühjahr und Sommer 1944 flogen zahlreiche große US-Bombergeschwader, oft bei besten Sichtbedingungen und stets bei absoluter Lufthoheit, nachgerade systematisch um die Auschwitzer Mordgebäude herum, und sorgfältig vermied es die Luftwaffe dieser christlichen Weltmacht, Krematorien oder Gleisanlagen zu bombardieren. David S. Wyman hat das genauestens dokumentiert.

4. So gut wie jede der vielfältigen Verfolgungsmaßnahmen der Nazis gegen die Juden hat ein konkretes Vorbild in der Kirchengeschichte (Tabellen bei G. Czermak a.a.O. S. 295-299). Und Weihnachten 1942, 1943 und 1944, als sich die Judenheit in den Verbrennungsöfen auflöste, erklangen in Deutschland die traditionellen Weihnachtslieder. Der relativ wenigen einzelnen Christen, die sich der herrschenden Ideologie – wie zu allen historischen Zeiten – ernsthaft widersetzten und selbst ihr Leben riskierten, kann hier nur in diesem Satz voll Bewunderung gedacht werden.

Mein Versuch, den Kern des Aufsatzes in einem einzigen Satz zusammenzufassen, lautet: Am Anfang steht das Wort, am Ende der Mord.

Schließen möchte ich mit Versen Heinrich Heines aus seinem „Rabbi von Bacharach“:

Ein Jahrtausend schon und länger
dulden wir uns brüderlich,
du, du duldest, dass ich atme,
dass du rasest, dulde ich.
Manchmal nur in dunklen Zeiten
ward dir wunderlich zumute,
und die liebefrommen Tätzchen
färbten sich mit meinem Blute.

 

 

Written by freundisraels

2010/04/21 um 14:36

Veröffentlicht in Allgemeines

Eine Antwort

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  1. Gamliel I. – Talmud…

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