Schofar of E-rez Jis-ra-el

Sch´mah Israel JHWH Eloheim JHWH Echad 5 Mose 6:4

Christlicher Antijudaismus

with one comment

NICO RUBELI-GUTHAUSER
,,Im Bild des Juden, das die Völkischen
vor der Welt aufrichten,
drücken sie ihr eigenes Wesen aus.
Ihr Gelüste ist ausschliesslicher Besitz,
Aneignung, Macht ohne Grenzen,
um jeden Preis.
Den Juden mit dieser ihrer Schuld
beladen, als Herrscher verhöhnt,
schlagen sie ans Kreuz,
endlos das Opfer wiederholend,
an dessen Kraft
sie nicht glauben können.“
MAX HORKHEIMER
THEODOR ADORNO
(1988 [1944], s. 177)
Christlicher Antijudaismus
Ein Bogen vom Christentum zur Schoa: der christliche
,,Gottesmordvorwurf”
Begegnungen von Juden und Christen lösen bei Christen in Europa
jahrhundertealte, grundlegende Fragen aus: Warum gibt es ein jüdisches
,,Nein” zu Jesus als Christus (hebräisch: Maschiach, griechisch:
Christos, deutsch: Gesalbter)? Müssen wir Christen nicht zumindest
dogmatisch darauf bestehen, Juden seien religiös mit Schuld behaftet?
Diese Fragen kreisen um den Kern des christlichen Judenhasses, den
sogenannten Gottesmordvorwurf. Christen werfen Juden vor, am Tod
Christi schuld zu sein. Viele Christen fürchten sich davor, dass die
christliche Identität geschwächt würde, wenn dem nicht so wäre.
Historisch wissen wir, dass Römer und nicht Juden Jesus zum Tode
verurteilt und ans Kreuz geschlagen haben. In der neutestamentlichen
Forschung wird heute darüber diskutiert, aus welcher Zeit die Erfahrungen
stammen, die in den Passionsgeschichten beschrieben werden.
Erzählen die Evangelisten von historischen Vorgängen aus der Zeit
Jesu? Oder verarbeiten sie traumatische Erlebnisse ihrer Gegenwart?
Wie ist die Rolle jüdischer Autoritäten zu beurteilen, wenn wir die
antiken Quellen ausserhalb des Neuen Testaments ernst nehmen?
Die Szenen römischer Unterdrückung sind historisch als Erlebnisse
der Evangelisten und der frühen Jesusanhänger im und nach dem
römisch-jüdischen Krieg (66 bis 70 nach unserer Zeitrechnung) zu
verstehen. Diese literarischen Bilder verstehen sich also nicht als
,,Gerichts-Urkunde” eines historischen Geschehens, sondern als theologische
Interpretationen, als Predigten von Gläubigen für Gläubige.
Bei der Lektüre des Neuen Testaments fällt uns sofort auf, dass Paulus
und die vier Evangelisten historisch unvereinbare, uneinheitliche Bilder
zeichnen. Und der römische Schriftsteller Tacitus schreibt als politischer
Kommentator seiner Zeit – nicht zuletzt aufgrund persönlicher
Akteneinsicht – in polemischer Ironie über die Kreuzigung Jesu. Er
erwähnt keine Mitschuld der Juden am römischen Foltertod Jesu ~
obwohl es sehr gut zu seinem judenfeindlichen spöttischen Stil gepasst
hätte (vgl. Tac. ann. 15,44,3).
Diese historischen Fragen zum Prozess Jesu werden erforscht, seit es
theologische Wissenschaften gibt. Trotzdem ist die Rolle der Juden als
Schuldige in vielen christlichen Kreisen noch tief verankert. Dass die
Kreuzigung des Juden Jesus gerade die Unterdrückung der Juden
durch die Römer voraussetzt, ist in vielen Kirchengemeinden noch
nicht Allgemeingut geworden.
11
Woher kommen diese kaum zu überwindenden Widerstände – trotz
zur Verfügung stehendem besseren Wissen? Wieso fühlen sich viele
Christen innerlich noch immer genötigt, Juden Schuld aufzuerlegen?
Die religiöse Erniedrigung von Juden, das Usurpieren der jüdischen
Tradition und die daraus folgende jahrhundertelange Diffamierung,
Verfemung und Ermordung von Juden aus religiösen Gründen fassen
wir mit dem Begriff ,,christlicher Antijudaismus”.
Erschreckend ist, dass die Aufklärung, obwohl sie für sich in Anspruch
nahm, die christliche Welt von ihrer selbstverschuldeten religiösen
Unmündigkeit zu befreien, dennoch die antijüdischen Vorurteile nicht
brechen konnte. Im Gegenteil! Die auf Ausrottung zielende Gewalt
gegen Juden erfand im letzten Jahrhundert einen mehrheitsfähigen
rassistischen Antisemitismus und gipfelte im Massenmord der Schoa,
dem Holocaust, einer kalt verwalteten, industriellen Vernichtung und
Verwertung von Juden, Jüdinnen und ihren Kindern. Dass die umliegenden
Länder und Kulturen, die ebenfalls vom Christentum geprägt
sind, zusahen und wegsahen, den Juden kaum Hilfe anboten,
kann nur begriffen werden, wenn wir den rassistischen Antisemitismus
als Folge- und Begleiterscheinung des gewalttätigen christlich-religiösen
Antijudaismus verstehen. Selbstverständlich gab es auch mutige
Christen, die Juden retteten. Sie sind aber eine kleine Minderheit im
grossen Christentum.
Die Nazis benutzten zur Diffamierung und der daraus folgenden
Errnordung der Juden aktiv alle verfügbaren religiösen Feindbilder.
Eine Nazi-Karikatur illustriert zum Beispiel mit rassistischer Schärfe
eine Szene aus der Tradition christlich-antijüdischer Phantasien und
formuliert die Bildbeschreibung: ,,Der Nürnberger Jude Otto Mayer
pflegte seine Opfer zu kreuzigen. In völlig nacktem Zustande band er sie
an ein eigens dazu angefertigtes Holzkreuz und schändete sie, sobald aus
den Wundmalen Blut floss.” (Encyclopaedia Judaica 111, S. 134)
Wie kommt ein rassistischer Nazi dazu, sich bejahend auf das Christentum
zu beziehen, mit einer Kreuzigungsszene und der speziellen
Bedeutung von Wundmalen? Er konnte darauf zählen, dass christlich
sozialisierte Menschen tief emotional darauf reagieren. Vielleicht
erkennt der Betrachter sogar, dass die Geschichte mit diesem Herrn
Mayer erfunden und erlogen ist, aber das Feindbild ,,des Juden” spricht
doch etwas in ihm an: eine tiefe, jahrhundertealte Abwertung, ein Bild,
mit dem man während Generationen Gewalt und Mord an Juden
rechtfertigte.
Auch heute noch, nach dem Erschrecken über die Schoa (den Holocaust),
werden die verzerrenden Bilder über Juden weitergetragen,
Bilder, die die Diskriminierung und den Angriff auf Juden als irgendwie
gerechtfertigt erscheinen lassen. Viele erleben auch heute noch,
12
Aus ,,Der Giftpilz. Ein Stürmerbuch für
Jung und Alt.”
Dieses antisemitische Bilderbuch ist 1938
im Stürmer-Verlag, Nürnberg, erschienen
mit folgendem Text zu nebenstehender
Abbildung:
,,,,WWeennnn iihhr re ienin K Krreeuuz zs esheth,t ,d daannnn ddeennkkt t aann
den grauenhaften Mord derr lluuddeen auf
Golgatha . . .”
dass im Moment, in dem sich jemand als Jude, als Jüdin zu erkennen
gibt, die Beziehung sich schlagartig ändert. Wir Nichtjuden haben
Mühe, mit der jüngsten Geschichte umzugehen: Unbewusste Bilder,
die wir gleichsam mit der Muttermilch eingesogen haben, lassen den
Bezug zu Juden als unbequem erscheinen. Diskriminierende Bilder
gegen Juden werden erst dann vergangene Geschichte werden, wenn
wir lernen, uns zu erinnern: Wir müssen es uns in aller Klarheit erarbeiten,
dass diese Bilder menschenfeindlich und kriminell sind. Die
Verzerrungen von Antijudaismus und Antisemitismus haben mit den
Juden gar nichts zu tun, aber sie treffen sie: die Mythen sind christlich,
die Opfer sind jüdisch. Christen degradieren Juden zu Objekten. Das
Problem des Judenhasses ist ein Problem der Christen, die einen tiefen
Drang und gedankliche Notwendigkeiten verspüren, Juden zu verachten
und ,,wegzuschaffen”.
13
Wo finden wir Gründe dafür? Die religiös begründete ,,Enterbung” der
Juden versuchte, das Usurpieren jüdischer Traditionen zu verdecken:
Nachdem jüdische Texte, Lieder und auch Hoffnungen den Juden weggenommen
worden sind, um sie in ,,christlichen” Bibeln und Gottesdiensten
als ,,christliche” Stimmen auszugeben, wurde das jüdische
Volk notorisch als Opfer von Enteignung und Gewalt freigegeben.
Juden – allein dadurch, dass sie existierten und weiter jüdisch lebten –
erinnerten Christen an ihr kulturelles Unrecht und an die Möglichkeit,
nicht nur im Unrecht zu sein, sondern auch Unrecht zu haben. Die religiös
begründete Entrechtung und Ermordung von Juden versuchte im
Grunde, zwei christliche Glaubensprobleme aus der Welt zu schaffen:
Erstens den Zweifel an der Versöhntheit der christlichen Welt, von der
Christen eben etwas zu direkt behaupteten, sie sei schon versöhnt. Und
zweitens den Unglauben an die geistliche Versöhnung durch Christus,
die man zwar breit beredete und doch wenig davon erlebte. Antijudaismus
ist auch Selbsthass, er spiegelt jahrhundertealte religiöse Probleme
der Christen.
Das biblische Zeugnis
Christen beziehen sich in ihrem Glauben auf die fundamentalen jüdischen
Hoffnungen, die die Hebräische Bibel, das sogenannte Alte Testament
bezeugt. Der christliche Begriff des ,,alten Bundes” fusst auf den
Briefen des Apostels Paulus (vgl. 2 Kor 3,14). Der Gegensatz ,,alt – neu”
deutet auf ein typisches Modell christlicher Diskriminierung der Mutterreligion
hin: ,,Judentum war früher – Christentum gilt heute, das
Alte hat Wahrheiten verheißen – das Neue hat sie realisiert, das Judentum
ist einmal wichtig gewesen – das Christentum hat es überwunden.”
Jahrhundertelang wurde nur in herabsetzenden Modellen vom
Judentum gesprochen. Diese diskriminierenden Modelle versuchen
darüber wegzutäuschen, dass der innerste Kern des christlichen Glaubens,
nämlich die Versöhnung, die biblische Gottes- und Nächstenliebe,
einer zentralen jüdischen Tradition entnommen ist: der Tradition
des Jom Kippur, des ,,Versöhnungstages”. In der ,,Mischna”, dem ältesten
Teil des Talmud, die in den ersten zwei Jahrhunderten unserer
Zeitrechnung entstanden ist, steht: ,,Sünden des Menschen gegen Gott
sühnt der Versöhnungstag Sünden des Menschen gegen seinen Mitmenschen
sühnt der Versöhnungstag nicht, bis man dessen Verzeihung erlangt
hat” (mJoma 8,9).
Die Nächstenliebe und die Gottesliebe stellt der Jude Jesus von Nazareth
ins Zentrum des Glaubens (Mk 12, 28 ff par). Jesus bestätigt damit
den Kern der jüdischen Religion. Das Doppelgebot der Liebe ist einerseits
das Fundament und Zentrum der jüdischen Bibel (3. Mose 16 und
14
19,18) und spiegelt andererseits die jüdische Diskussion der Rabbiner
zur Zeit der neutestamentlichen Schriften. Das Gespräch von Rabbi
Aqiva mit Ben Assai (BerR 24,7; jNed 41c etc.) behandelt zum Beispiel
genau dieses Thema der Nächstenliebe als ,,Motto” der ganzen Bibel
und folgert dasselbe wie Jesus und seine Jünger. Viele weitere ,,christliche”
Kernwahrheiten sind jüdisch: der von den Christen proklamierte
Versöhner selber, dessen Titel (Maschiach, Gesalbter) und auch der
Begriff eines ,,Reich Gottes”. Das heißt, die Vorstellungen eines kommenden
Gottesreiches, die Traditionen des Christusglaubens, sind im
Rahmen jüdischer Messiasvorstellungen erlebt und entwickelt worden.
Rabbiner LEO BAECK schrieb in seiner Schrift ,,Das Evangelium als
Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte”, das 1938 im Schocken-
Verlag erschienen ist: ,,(Das Evangelium) ist ein jüdisches Buch . . . deshalb,
durchaus und ganz deshalb, weil die reine Luft, die es erfüllt und
in der es atmet, die der Heiligen Schrift ist, weil jüdischer Geist, und nur
er, in ihm waltet, weil jüdischer Glaube und jüdische Hoffnung jüdisches
Leid und jüdische Not, jüdisches Wissen und jüdische Erwartung, sie
allein es durchklingen – ein jüdisches Buch inmitten der jüdischen
Bücher” (1961 [1938], S. 162].
Es gehört zur Geschichte des christlichen Antijudaismus, dass nur
wenige christliche Gelehrte damals das Gesprächsangebot Baecks
beantworteten. Es ist die Zeit, als die christlichen Kirchen und die
Mehrheit der Christen versagten. Sie versagten nicht nur aus Angst,
sondern auch, weil die Verfolgung der Juden mit dem Ziel ihrer Ausrottung
zutiefst dem christlichen Antijudaismus entsprach und ein
Kontinuum von den Christen zu den Nazis darstellte. Es gab aber auch
Ausnahmen! Der Neutestamentler Professor Karl-Ludwig Schmidt war
ein wahrer Menschenfreund. Er nahm das Gesprächsangebot von Leo
Baeck an. Er half auch Juden, widersprach der menschenfeindlichen
Gesinnung der Nazis und musste mit seiner Familie in die Schweiz
emigrieren.
Die frühe Jesusbewegung bestand zuallererst nur aus Juden und
allmählich auch aus Nicht-Juden, die zu den Freunden der Synagoge
gehörten, den sogenannten Gottesfürchtigen (STEGEMANN 1995,
S. 168 ff.). Weshalb sich die Jesusbewegung vom Judentum zu distanzieren
begann und sich in nicht-jüdische Bereiche hineinentwickelte,
wird verschieden beantwortet. Christliche Dogmatiker, die etwas religiös
absolut ,,Neues” im Christentum sehen möchten, sind der Ansicht,
dass es ein charakteristisches Merkmal (ein christliches ,,Proprium”)
für dieses absolut ,,Neue” gebe und erklären dieses zum ,,Spaltpilz”
zwischen Judentum und Christentum. Dem Judentum sind aber keine
15
Ideen des Neuen Testaments fremd: Weder der Glaube an Messiasfiguren,
noch die Gottesreich-Vorstellungen, noch die nahe und persönliche
Beziehung zu Gott, sodass die Fiktion eines Bruches von Jesus
mit dem Judentum selbst als antijüdische Projektion beurteilt werden
muss. Es hat sich wohl gerade umgekehrt abgespielt: Die römische
Unterdrückung von jüdisch-messianischen Bewegungen und der in
den zunehmend von Nichtjuden geprägten Christengemeinden entstehende
Antijudaismus scheinen die wichtigsten Ursachen dargestellt
zu haben, sich immer stärker vom Judentum zu distanzieren.
Im Neuen Testament können wir zunächst innejüdische Streitigkeiten
erkennen, wenn zum Beispiel Paulus im ältesten uns überlieferten
Brief schreibt: ,,Doch der Zorn ist ganz über sie (die Juden, 2,14) gekommen”
(1 Thess 2,16). Interessant ist an dieser Stelle, dass die nicht-jüdische
Übersetzung des griechischen Urtextes und dessen Auslegung die
Feindseligkeit verschärft hat, indem die von Paulus als Zorn erfahrenen
traumatischen Kriegshandlungen und Verfolgungen durch die Römer
von vielen Theologen zum Zorn Gottes in einer nahen Zukunft umgedeutet
worden sind. Das Johannesevangelium spricht schon viel pauschaler
über ,,die Juden” und enthält den wohl diffamierendsten Satz
des Neuen Testaments, der ,,die Juden” als Kinder des Teufels beschimpft
(Joh 8,44).
Die Kirchenväter
Schon eine Generation nach den Autoren der neutestamentlichen
Schriften, also in der Zeit der frühen Kirchenväter, wird der klassischchristliche
Antijudaismus ins Zentrum der christlichen Lehre gerückt.
Viele Kirchenväter haben keinen Bezug mehr zur jüdischen Bildung.
Sie lesen die Heiligen Schriften ausschliesslich durch die Brillen griechischer
und römischer Kultur. Dabei wird das Judentum insbesondere
als Vorforrn des Christentums benutzt, polemisch bekämpft und
grundsätzlich zur Negativfolie des Christentums, ja oft genug zum
Bösen schlechthin. Die jüdische Familie Jesu wird auf die Seite des
Christentums gezogen, Judas und die ,,Ungläubigen” werden auf die
Seite des Judentums geschoben.
Der Bischof Melito VON SARDES, der Metropole von Lydien – er starb
gegen Ende des 2. Jahrhunderts – schrieb zum Beispiel eine Taufliturgie
auf dem Fundament des jüdischen Pessachfestes (es feiert im Frühling
den Auszug aus Ägypten). Dabei beerbte er das Judentum in einer
für die Kirchenväter üblichen direkten Art und Weise. Er stellte den
Auszug der Juden aus Ägypten so dar, dass er direkt auf die christliche
Taufe und das Christusereignis hinweist. Der Bischof nahm den Juden
die jüdische Geschichte weg, um sie als eine christliche Tradition für
sich zu benutzen. Mit dem Begriff ,,wahres Israel” meinte die Kirche
nun sich selbst. Die Juden hatten für sie religiös keine Legitimität
mehr. Es entstand eine besondere Kultur der Zurückweisung möglicher
jüdischer Angriffe, nämlich polemische Schriften ,,gegen Juden”:
Die lange Kette der sogenannten Adversus-Zudaeos-Schriften (d. h.
,,Schriften gegen Juden”) waren in der Angst geschrieben worden, Christen
könnten sich vom Christentum weg- und auf das Judentum zubewegen.
Sie versuchten also, Dämme der Feindschaft gegen Ängste
vor christlichen Schwächen und vor Identitätsverlust aufzurichten.
Zugleich wurden die Juden und das Judentum mit allen Mitteln der
Rhetorik und bekannten und neu geschaffenen Vorurteilen verunglimpft
und geschmäht. Nicht ohne ethische Bedenken und nicht ohne
Erschrecken über die blutige Wirkungsgeschichte haben RUDOLF
BRÄNDLE und VERENA JEGHER Reden des grossen Kirchenvaters JOHANNES
CHRYSOSTOMUS neu übersetzt und auf Deutsch veröffentlicht; diese
Reden tragen den aussagekräftigen Titel ,,Acht Reden gegen Juden”. Die
Herausgeber schreiben zu Beginn der Neuausgabe: ,,Wohl jeder Leser,
jede Leserin dieser Reden vvird erschrecken über das Zerrbild der Juden,
das in ihnen gezeichnet vuird, über die Verunglimpfungen und Beschimpfungen,
die sie enthalten. Sie sind ,boshafte Rede’. Angesichts der
Schmerzlichen Geschichte der Beziehungen zwischen Christen und Juden,
die seit dem Mittelalter in immer gewalttätigeren Unterdrückungs- und
VUnichtungsma$nahmen sich artikulierte und ihren Gipfel in der Shoah
fand, stellt sich die Frage nach den Fernwirkungen eines solchen Textes
Nur mit gro$em Zögern legen wir die acht Reden nun in einer neuen
Übersetzung der Öffentlichkeit vor” (BRÄNDLE/JEGHER 1995, S. IX).
Diese kirchliche Literaturform gab schon in ihrer Absicht – Juden zu
hassen – zu, dass es sehr wohl ethisch fragwürdige und der Wahrheit
nicht dienliche Beziehungen zum Judentum und zur jüdischen Tradition
gibt.
Feindbilder, die auf Ausrottung zielen
Bald wird im Christentum ,,der Jude” zum ,,Andern” schlechthin. Das
Fremde, das Böse ist für Christen über Jahrhunderte hin jüdisch. Der
christliche Antijudaismus nimmt zunehmend eliminatorische, also auf
Ausrottung zielende Züge an. Bei der Frage ob ,,Christ oder Jude” geht
es dem Christen um Sein oder Nicht-Sein. So werden Juden im christlichen
Mittelalter immer wieder vor die Entscheidung gestellt: Taufe
oder Tod!
Zu den am meisten gelesenen jüdischen Büchern in Deutschland
gehörte zur Zeit der letzten Jahrhundertwende das eindrückliche
didaktische Werk ,,Volkstümliche Geschichte der Juden” von HEINRICH
GRAETZ, das 1887-1889 entstanden und bis 1930 in zehn Auflagen
erschienen ist. Der Historiker und Bibelforscher beschreibt folgende
17
Begebenheit aus dem 12. Jahrhundert: ,,Der wilde Geist frommen Mordes
pflanzte sich unwiderstehlich von Deutschland nach Frankreich fort,
als die Kreuzzügler sich auch du im Frühjahre sammelten. In Carenton
(Depart. Manche) entstand eine förmliche Schlacht zwischen WaZZbriL
dem und Juden, da die Zetzteren, in einem Hofe versammelt, sich gegen
den über$aZZ verteidigten. (. . .> Selbst unweit des Klosters CZairvaux,
unter den Augen des Abtes Bernhard, trieb die wiZde Kreuzfahrerbande
ungescheut ihr blutiges Handwerk. Sie ÜbefieZ die jüdische Gemeinde
Ramerii um suveiten Wochenfesttage (d. i. Schavuot, N. R.), drang in das
Haus des wegen seiner Tugenden und GeZehrsamkeit unter der europäischen
Judenheit angesehensten Topafisten Jakob Turn, raubte seine
ganze Habe, zerrij? dabei eine Thorarolle und schleppte ihn aufs Feld, um
ihn unter Martern zu töten und un ihm Jesu Wunden und Tod zu rächen
(d. i. der Gottesmordvorwurf, der ganz direkt zu Gewalttaten verleitet,
vgl. oben, N.R.). Fünf Kopfwunden harten sie ihm schon versetzt, und er
war nahe daran zu erziegen, als glücklicherweise ein ihm bekannter Ritter
des Weges einherzog. R. Tarn hatte noch so viel Bewu$tsein, ihn um
HiZfe anz&ehen, die der Ritter ihm aber nur unter der Bedingung zusagte,
wenn er ein stattZiches Ro$ als Belohnung erhalten soZZte. Der nicht
sehr edle Ritter redete hierauf der Mörderbande zu, ihm das Opfer zu
überlassen, er werde es zur Taufe bewegen oder ihren Händen wieder
über-Ziefer-n” (Ausgabe 1923, Band 2, S. 382 fl).
Diese eliminatorische, ja staatlich verordnete Gewalt, hat damit zu tun,
dass das Christentum seit dem 4. Jahrhundert politische Macht erlangt
hatte und später die alte Welt beherrschte. Dogmatische Fragen sind
nun zugleich auch politische Bekenntnisse. Es gibt Gesetze gegen
Juden, Vertreiburigen, Enteignungen und Morde.
Strukturen des Antijudaismus
Was sind Grundstrukturen des religiösen Antijudaismus? Dem Antijudaismus
geht es zuallererst um Fragen der Identität. Der offene
Drang, Juden auszurotten, zeigt, dass Christen bei antijüdischen Feindseligkeiten
eine Existenz-Frage empfinden: Christ sein oder tot sein,
nicht mehr existieren. Das heißt, im Antijudaismus öffnen sich alle
Schleusen der Anfragen an unser Dasein, und damit verknüpft erscheinen
die bohrenden Probleme einer denkbaren Nicht-Plausibilität meiner
Welt.
An vielen Veranstaltungen, die Judenhass aufarbeiten, höre ich die
Frage: ,,Warum werden Sie nicht Jude, wenn Sie sich so für Juden einsetzen?”
Fast reflexartig kommt in christlichen Seelen offenbar eine
Existenzangst auf: Wenn ich den Antijudaismus innerlich wegräume,
muss ich damit nicht auch mein Christ-Sein aufgeben? Obwohl die
Frage logisch absurd ist, leuchtet sie in Europa vielen Menschen ein:
18
Die Antijudaismusbekämpfung wird bei vielen Menschen als Angriff
auf die eigene Identität empfunden. Warum verhält sich dies so? Weil
jahrhundertelang Plausibilitätskrisen mit Antijudaismus übertüncht
worden sind, weil Generationen ihre Identitätslöcher mit judenfeindlichen
Motiven gestopft haben, deshalb löst der Versuch, Antijudaismus
wegzuräumen, Angst aus.
Diese Struktur hat historische Ursachen. Jeder antijüdische Vorwurf
birgt einen historischen Kern. Aber der Kern ist nicht bei den Opfern
der Diffamierung zu suchen, sondern bei den Tätern. Wie auch immer
sich Juden benommen haben, ob Juden sich integriert oder abgegrenzt
haben, die Feindbilder setzten sich fort. Das heisst, Juden können den
Antijudaismus durch ihr Verhalten nicht brechen. Der historische Kern
eines jeden christlich-antijüdischen Feindbildes liegt in einem Problem
der Christen.
Juden und Geld
Ein altes und ständig Gewalt auslösendes antijüdisches Thema ist
,,Juden und Geld”. In Tausenden von Varianten begegnet es uns. Der
historische Kern dieser antijüdischen Tradition, die in der neueren
Zeit Juden als Kapitalisten und als Kommunisten zugleich erscheinen
lässt, hat auch einen religiösen Hintergrund. Weil die Hebräische Bibel
es verbietet, Zinsen anzusammeln, haben christliche Herrscher Juden
genötigt, die Geldgeschäfte zu übernehmen. Nachdem aber beim
Aufkommen der Städte und später – bestärkt durch reformatorische
Theorien – Christen selber das Geldgeschäft in die Hand nehmen
wollten, hat man den Juden wieder verboten, Geldgeschäfte zu tätigen.
Beides, der Geldberuf für Juden und dann wieder das Berufsverbot für
jüdische Bankiers sind Zwänge der christlichen Herrscher gewesen.
Diese problematische Beziehung der Christen zum Geld hat auch dazu
geführt, dass Juden härter besteuert wurden als andere Menschen, dass
Juden regelmäßig enteignet wurden, insbesondere bei Vertreibungen.
Diese christlichen Verbrechen brachten Schuldgefühle hervor, die wiederum
den Opfern angelastet worden sind. Nachdem Christen Zwang
ausgeübt hatten, Berufsverbote verhängt, unmenschliche Zölle erhoben,
Juden enteignet oder ihnen Besitz verboten hatten, kehrten sie die
Spieße um: In ihren Augen waren die Juden geizig, geldgierig, an illegalem
Besitz interessiert, parasitär. Und heute, bei der Aufarbeitung
dieser Verbrechen, die ihren Gipfel in der schaurigen Verwertung der
Toten und ihres Guts durch die Nazis und ihre vielen Helfershelfer
erreicht haben, erleben wir den schrecklichen Mechanismus, dass wieder
Juden beschuldigt werden. ,,Wenn der Bürger schon zugibt, dass der
Antisemit im Unrecht ist, so will er wenigstens, dass auch das Opfer
schuldig S~~“(HORKHEIMER/ADORNO 1988 [1944],S.203).
19
Vorurteile um das Thema Essen
Weit verbreitet war das judenfeindliche Bild einer sogenannten Judensau,
die Juden säuge. Wie die Legenden von Hostienschändungen
(siehe unten) erhielt die ,,Judensau” im 13. Jahrhundert eine breite
Popularität und wurde im 15. Jahrhundert durch die neue Technik des
Druckens allgemein vertrieben und bekannt. Die zeichnerischen Darstellungen
der ,,Judensau” – mit säugenden oder andern schändlichen
Dingen treibenden Juden – wurden auch mit beschreibenden Erklärungen
versehen. Ende des 14. Jahrhunderts verbanden sich Darstellungen
einer ,,Judensau” üblicherweise mit Bildern von Ritualmordvorwürfen,
insbesondere der Wanderlegende des Ritualmords am ,,Kindlein
Simeon”. Diese verleumderische Phantasie wurde sogar mit Sodomie-
vorwürfen verbunden. Dabei wurde absichtlich verkehrt, was im
Judentum im Gegensatz zum Christentum als Tabu gilt: Die jüdischen
Speisevorschriften verbieten das Essen von Schweinefleisch. Kulturelle
Regeln, also die Leistung der Menschen, kultiviert zu leben, hinterlassen
gespaltene Gefühle. Immer dort, wo die Zerrissenheit nicht ausgehalten
werden will, bietet sich im christlichen Abendland die Judenfeindlichkeit
als ,,einfache Lösung” an.
Diese Problematik mit dem Essen verband sich also tragisch mit der
Ritualmord-Legende, nach der Juden des Kindermords bezichtigt und
angeklagt wurden, sie würden Christenknäblein oder Jungfrauen
rituell ermorden. Ein interessanter Fall ist zum Beispiel ein Ritualmord-
Vorwurf in Nordböhmen gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
,,In dieser erregten Zeit fand man am 1. April 1899 in der Nähe eines
nordböhmischen Dorfes ein totes neunzehnjähriges Mädchen, ermordet,
wie sich herausstellte, mit einer gro$en SchnittYvunde am Hals. Nationalistische
Kreise n&ten den Verdacht schnell auf dieluden, und auch ein
Verdächtiger war bald entdeckt: der jüdische Schustwgeselle Leopold
Hilsner. In einer beispiellosen Kampagne wurde behauptet, Hilsner habe
einen Ritualmord an dem christlichen Mädchen begangen, um ihr Blut zu
rituellen Zwecken am Pessach-Fest zu benutzen. Die allgemeine Judenhysterie
steigerte sich, an vielen Stellen sollten nun Ritualmorde begangen
worden sein” (HAUMANN 1998,182 f).
Der jüdische Schustergeselle wurde mit dem Todesurteil bedroht. Die
sehr zweifelhafte Beweislage überspielte man mit Hilfe von sexuellen
Vorwürfen. Das Todesurteil wurde in eine lebenslängliche Haftstrafe
umgewandelt. 1916 schliefilich wurde der Unschuldige begnadigt. Den
bekannten Professor und späteren Staatspräsidenten Masaryk beschimpfte
man wegen seiner aufklärenden Hilfe als ,,Judenknecht”; er
musste wegen Demonstrationen, die sich gegen ihn richteten, seinen
Unterricht vorübergehend einstellen, Der Mörder, es war der Bruder
des Opfers, enthüllte die Wahrheit erst 1961 auf seinem Totenbett.
Verbreitet
jl8.lahrhundert~
20
Die Kar- und Osterzeit war für Juden stets eine besonders gefährliche
Zeit. Die christliche Botschaft von Kreuz und Auferstehung verband
sich auf tragische Weise mit einem betont religiösen Judenhass und
mit Gewaltakten gegen Juden auf offener Straße. An Festen christlicher
Versöhnung werden charakteristische Muster von gesellschaftlichem
Hohn und Verbrechen sichtbar. ,,Den Juden mit dieser ihrer Schuld beladen,
als Herrscher verhöhnt, schlagen sie ans Kreuz, endlos das Opfer
wiederholend, an dessen Kraft sie nicht glauben können” (HORKHEIMER/
ADORNO 1988 [1944], S. 177).
Gerade in hochkirchlichen Tagen neigte der Mob zu Gewalttaten
und Verfolgungen. Warum.7 Weil offenbar Christen diese Zeit mit
nagendem Selbsthass, mit einem unbewusst schwelenden Unglauben
verbanden, der darin mündete, Juden zu beschuldigen und anzugreifen.
Und wie das Zitat bei HORKHEIMER und ADORNO aufzeigt, war
auch dies eine antijüdische Tradition, die ungebrochen in die Kultur
der ,,Völkischen” floss; Christen haben ihr Eigenes zum Reich der
Faschisten beigetragen. Das eindrückliche Beispiel der Legenden von
Hostienschändungen mag diesen zugleich komplizierten wie brutal
direkten Vorgang illustrieren. Hass folgt einem stapelnden Mechanismus:
Wie es bei Feindbildern üblich ist, überlagern sich die verschiedenen
Bereiche.
Hostienschändungen
Es gibt vom 13. Jahrhundert an in unzähligen Legenden und Bildergeschichten
antijüdische Erzählungen von Hostienschändungen.
Einem Juden, einer Jüdin wird die Schuld zugesprochen, eine Hostie
gestohlen und geschändet zu haben. Es ereignet sich ein ,,Blutwunder”,
die heilige Hostie blutet. Christen werden auf den Frevel aufmerksam.
Die letzte Szene dieser Geschichten zeigt, wie Juden verurteilt werden
und auf dem Scheiterhaufen brennen.
Was ist die Funktion solcher Geschichten? Die Zeit, als diese Geschichten
in Mode kamen, deutet auf ihren historischen Kern: Im vierten
Laterankonzil, im Jahr 1215, wurde die christliche Lehre der sogenannten
Transubstantiation festgeschrieben: Die Vorstellung, dass sich in
der Heiligen Messe Brot und Wein wirklich und wahrhaftig in Fleisch
und Blut verwandeln, wurde allen Christen in feierlichstern kirchlichen
Beschluss verordnet. Diese Transubstantiation war schon für die damaligen
Christen nicht nur ein schwierig auszusprechendes Wort, auch
der Inhalt, für den das Wort stand, war offenbar schwer nachzuvollziehen.
Aber dieses Glaubensproblem durfte nicht offen eingestanden
werden, es war verordnet und wurde Gesetz. Wie kann man eine von
höchster Stelle aufgezwungene Glaubenskrise nun lösen? Ein Weg,
21
den damals viele Christen wählten, war, die Glaubenskrise antijüdisch
auszuleben und zu übertünchen: Juden werden beschuldigt, wenn die
christliche Abendmahlslehre Probleme aufweist. Und die Geschichten
von Hostienschändungen erfreuten sich unerhörter Beliebtheit – nicht
deshalb, weil sich Juden so oder anders benommen hätten, sondern
weil die christliche Transubstantiationslehre offenbar nicht so sehr einzuleuchten
vermochte. Es ist kein Zufall, dass in einem Kanon desselben
Konzils festgeschrieben wurde, dass Juden sich speziell und
für Christen erkennbar kleiden mussten.
Juden als Sündenböcke:
Verbrechen und unerklärliche Krankheiten
Sobald ein Kind vermisst wurde, fand man bald einen Juden, den man
als Sündenbock beschuldigen und strafen konnte (vgl. z. B. GRAETZ
1923, 11, 4Sln). Bei unerklärlichen Krankheiten, wie zum Beispiel der
Pest, wurden ganze jüdische Gemeinden für schuldig erklärt und verfolgt.
Manche exekutierten ihre jüdischen Mitbewohner sogar, noch
bevor die Seuche ausgebrochen war. Die christliche Gesellschaft in
Basel verbrannte am 16. Januar 1349, einem Freitag, in einer Baracke
auf einer Rheinfurt alle Juden mit Frauen und Kindern, die sie greifen
konnte.
Auch hier gilt: Gefahren, die die Existenz bedrohen und nicht fassbar
erscheinen, werden mit antijüdischer Gewalt bekämpft. Juden werden
als Sündenböcke ermordet. Die Krankheit bleibt. Das Perfide der Pest-
Situation war, dass der Standard der Hygiene bei Juden im Mittelalter
etwas höher war, weil sich Juden regelmässig rituell waschen und Reinheitsvorschriften
in der Küche bewusst gestalten. Die Pest nun erreichte
jüdische Häuser genauso wie christliche, aber es konnten Verzögerungen
beim Ausbruch der Krankheit auftreten, die das Vergiftungsmotiv
scheinbar rational untermauerten. So galten die Juden als ,,Brunnenvergifter”,
die das Wasser der Christen vergifteten. Es ist eine grausame
Wendung der Geschichte, dass später Gift und Gas als Methoden
gewählt wurden, Juden umzubringen. Und noch heute ereignet sich
diese antijüdische Tradition in unserer Sprache, wenn ein Autor
schreibt, er möchte das christlich-jüdische Verhältnis ,,entgiften”, oder
wenn wir den schrecklichen umgangssprachlichen Ausdruck ,,bis zur
Vergasung” hören. Auch hier verbindet sich mittelalterliche Judenverfolgung
mit Auschwitz. Der Bruch mit diesen Traditionen ist noch lange
nicht erreicht: Wir sind aufgefordert, diese Bilder in aller Klarheit zu
erkennen und sie aus dem Dunst ,,des Unerklärlichen” herauszuholen.
22
Erotische Projektionen
Juden wurden immer wieder auch sexuelle Verfehlungen und Verführungen
vorgeworfen. Hier wird das Projizieren besonders deutlich:
Bedürfnisse und Wünsche, die in der christlichen Seele schlummerten
und verdrängt wurden, kehrten sich nach außen und wurden Juden
angedichtet. Die Quellen solcher Phantasien hatten überhaupt nichts
mit Juden oder Judentum zu tun, sondern mit den sexuellen Problemen
derer, die sich diese Dinge ausdachten. Erotische Vorwürfe verbinden
die Judenfeindlichkeit mit dem breiten Rassismus, wo gerade
Bilder von Potenz und Lust in ,,Fremde” hineinprojiziert werden. Dabei
verschärfte sich die antijüdische Gewalt, je körperfeindlicher sich die
christliche Konfession darstellte.
Der Reformator Martin Luther
Susanna und die Ältesten. Eine deutsche Im evangelischen Bereich ist das Beispiel Luthers besonders schmerz-
Karikatur des Ölbildes von Arnold Böcklin. haft. Nachdem sich Martin Luther der hebräischen Schrift zuwandte,
von Juden dafür auch begeisterte Echos erhielt, kippte seine Liebe zur
jüdischen Tradition um in Judenhass. Er schrieb 1543 die schreckliche
Schrift ,,Von den Juden und ihren Lügen”, die auch direkte Anleitung
zu Gewaltausschreitungen gegen Juden gab, nämlich Synagogen anzuzünden,
jüdische Häuser abzubrechen, jüdische Bücher wegzunehmen,
den Rabbinern unter Androhung der Todesstrafe das Lehren zu verbie-
/
ten, Juden das Reisen zu untersagen, Juden den Geldhandel zu verbieten,
ihr Geld zu enteignen (bis sie zum Christentum konvertiert sind),
Juden zu körperlicher Arbeit zu zwingen, Juden des Landes zu verweisen
. . . Luther zeigt deutlich auf, dass er die vermeintliche theologische
Krise nicht aushalten konnte, dass Juden sein christlich-messianisches
Denken nicht übernehmen wollten. Luther wollte Juden instrumentalisieren,
sie nur dann akzeptieren, wenn sie Christen werden und ihr
Jude-Sein aufgeben. Er fiel in das alte christliche Modell zurück: Taufe
oder Tod. Dies deutet auch daraufhin, dass gerade der Kern der Theorie
Luthers, die die Welt verändern sollte, Plausibilitätsprobleme aufweist.
Was in seiner evangelischen Theologie nicht funktioniert, bürdet
er den Juden auf, er setzt sich hin und schreibt geduldig und sorgfältig
auf, wie Christen Juden hassen, ja wie sie Juden Gewalt antun sollen –
es sei denn, Juden wurden zum Christentum konvertieren.
Martin Luthers Anleitung zu antijüdischer Die Christen sind es, die ,,den Juden” zum ,,Anderen” par excellence
Gewalt ,,Von den Juden und ihren Liigeni gemacht haben; Juden erscheinen als die Feinde (seien es häretische
Witrenbwg 1543 Gruppen, Andersgläubige, Fremde, seien es später Kapitalisten oder
Kommunisten). Aus den Projektionen, Juden würden sich destruktiv
auf die Gesellschaft beziehen, sind bald auch Verschwörungstheorien
entstanden, die noch heute weitverbreitete Motive der Judenfeindschaft
darstellen. Verschwörungstheorien haben vor allem mit der zunehmenden
Komplexität der wirtschaftlichen Vorgänge und Systeme
zu tun, deren Gefahren oder negative Auswirkungen, wenn sie nicht
mehr überschaubar erschienen, in simplen Modellen abgewehrt wurden:
Juden werden notorisch für alle Schwierigkeiten der wirtschaftlichen
Modernisierung beschuldigt.
Das christliche Realitätsproblem
Eine weitere typische Struktur des religiösen Antijudaismus ist, dass
Christen ihr Realitätsproblem übertünchen wollten: In der Geschichte
des Christentums drohten viele Christen den Bezug zur Realität zu verlieren,
indem sie oft gegen alle Wirklichkeit von einer Erlösung gepredigt
haben, die nur ,,in den Köpfen” stattfindet. Die Gefahr eines ,,ver-
.geistigten” Glaubens ist, dass er die Herzen der Menschen nicht erreichen
kann, wenn die Augen weiterhin eine unerlöste Wirklichkeit
sehen, wo Gewalt und Not wüten. Juden erinnern Christen daran, die
biblische Tradition neu zu entdecken und die Realität nicht zu verleugnen.
Der Religionsphilosoph FRANZ ROSENZWEIG hat in seinem Buch ,,Der
Stern der Erlösung” formuliert: ,,Hätte darum der Christ nicht in seinem
Rücken den Juden stehen, er würde sich, wo er wäre, verlieren. (. . .> Ein
Gott, der nur noch Geist, nicht mehr der Schöpfer, der den Juden sein
Gesetz gab, ein Christus, der nur noch Christus, nicht mehr Jesus (. . .)
tuäre -, sie würden zwar der Vergottung und der Vergötterung nicht mehr
den mindesten Widerstand entgegensetzen, aber es wäre auch nichts
mehr in ihnen, was die Seele aus dem Traum dieser Vergottung zurück
ins unerZöste Leben riefe; sie verlöre sich nicht nur, nein, sie bliebe ver-
Zaren” (ROSENZWEIG 1921, S. 446 E).
Das bedeutet: Um nicht die Realität verdrängen zu müssen, brauchen
wir Christen die Juden. Christen hingegen, die aus dogmatischen
Gründen der geglaubten Wahrheit mehr Recht geben, tendieren dazu,
die Realität zu verdrängen – und sei es auch gewaltsam. Wenn nun
Juden die Christen an die Unerlöstheit der Welt erinnern, wächst in
Christen der Wunsch, Juden zu verdrängen. Um die Realität missachten
zu können, wurden Juden ausgewiesen oder vernichtet. Je realitätsferner
eine christliche Theorie war, desto vehementer griff sie Juden
an, um die Wirklichkeit zu bekämpfen. Die Liste der christlichen Länder,
die Juden vertrieben haben, ist lang. Sie spiegelt eindrücklich, wie
24
viele Christen sich gegen die Wirklichkeit zu stellen versuchten, um
einer erdachten Wahrheit zu frönen, wieviele Christen den wirklichen
Geschmack am Leben verloren hatten und ihn in einem erdachten
Leben suchten.
Die strukturelle Erniedrigung von Juden
Auf einer etwas weniger gewalttätigen Ebene stellt sich uns die Frage
der strukturellen Erniedrigung der Juden. Vielen Christen ist es noch
heute wichtig, sich religiös auf eine höhere Stufe zu stellen als Juden.
Das Judentum ist für sie alt, das Christentum neu; das Judentum hat
Wahrheit verheißen, das Christentum hat Wahrheit erfüllt; die Juden
haben einen Teil des Glaubens erkannt, die Christen besitzen den wahren
Glauben . . . (vgl. oben). Und so liesse sich dieses Zweistufenmodell
fortsetzen, wobei die Juden sich rangmässig immer unter den Christen
befinden. Oft erhalten Juden auch Rechte und Privilegien zugesprochen,
aber das Eigentliche, das Höhere sollen trotzdem wir Christen
erhalten. Das Judentum wird nur als Vorstufe zum Eigentlichen, als
Eingangshalle zum Christentum betrachtet.
Diese antijüdische Struktur findet sich an vielen Orten christlichen
Denkens und Tuns. Speziell schwierig zu verstehen ist sie bei Christen,
die sich Juden speziell zuwenden, den sogenannten Philosemiten.
Viele ,,Freunde Israels” haben eine spezielle Zuwendung zu Israel
und zum jüdischen Volk entwickelt, um sich ihres antijüdischen Weltverständnisses
zu vergewissern, Einige religiöse Christen haben im
19. Jahrhundert trotz allem Antisemitismus in ihrer Kultur den frühen
Zionismus unterstützt, denn in ihren Augen bereitet die Sammlung
der Juden in Israel das Eigentliche, nämlich die Wiederkunft Christi
vor. Viele Christen, die sich Juden zuwenden, verbinden damit eine
christliche Absicht. In der direktesten Form heißt die Absicht, Juden
sollen sich taufen lassen. Oder Christen versuchen das ,,Gottesreich” zu
fordern, indem sie Juden helfen.
Es ist ethisch gar nicht leicht, Philosemitismus (die unkritische und
vorbehaltlose Unterstützung alles Jüdischen), die hellere Rückseite des
Antijudaismus, zu bewerten. In der Schoa haben viele gläubige Christen
deswegen Juden geholfen, weil sie damit einer christlichen Weltsicht
zum Triumph verhelfen wollten. Ihre Taten waren so viel mutiger
und wertvoller als ihre Absicht, dass die Menschen auch heute noch
als Beispiele der mitmenschlichen Liebe gelten dürfen, weil sie Juden
retteten.
Es gibt noch heute Gesellschaften und Vereine, die den christlich-jüdischen
Dialog fordern möchten, aber den Juden die Verantwortung entziehen
und im innersten Kern als Christen unter sich bleiben wollen.
Viele christlich-jüdische Bewegungen instrumentalisieren noch heute
25
Juden, indem sie mit Juden etwas vorhaben, sie aber nicht gleichberechtigt
einbeziehen. Auch hier ist noch die alte antijüdische Struktur
zu beobachten: die Zuwendung zu Juden und Judentum dient zwar
einem positiven Zweck, aber das Eigentliche geschieht im christlichen
Kreis, dort, wo die ,,religiösen Geheimnisse” geteilt werden.
Religiöser Antijudaismus und rassistischer Antisemitismus
Oft kommt die Frage auf, was religiöser Antijudaismus, was rassistischer
Antisemitismus sei. Wo sind die Grenzen zwischen den beiden
Phänomenen? Die Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert führte
nicht zu einer Auflösung des Antisemitismus. Konterrevolutionäre
Bewegungen, kirchliche Restaurationsbemühungen und Verschwörungstheorien,
die Ängste vor modernen Entwicklungen spiegelten,
verbanden sich in neuen antisemitischen Tendenzen. Dies führte zu
Feindbildern, die Juden als Verantwortliche für kapitalistische Gesellschaftsentwicklungen
identifizieren wollten (HEINRICH TREITSCHKE,
WERNER SOMBART). Auch Bauernerhebungen erneuerten alte antijüdische
Vorwürfe in antisemitischen Beschuldigungen. Dies fuhrte nun
über Träume des deutschen Geistes, der in teutonischen Wäldern entstanden
sei, zu rassistischen Theorien. Juden durften nun wegen ihrer
,,rassischen Herkunft” nicht an der als organisch gewachsen und
beständig erfundenen germanischen Kultur und Rasse partizipieren.
Gemäss JOSEPH A. COMTE DE GOBINEAU GEssai sur l’inegalite des races
humaines”, 1853-1855) waren Juden nicht-arisch und orientalisch, also
gemäß ihrer Natur anders geartet. Diese rassistische Weltsicht – die
wissenschaftlich jeglicher Grundlage entbehrt und trotz aller sogenannt
rassehygienischen Lehren von Hochschulprofessoren ins Reich
der menschenfeindlichen Erfindungen und Projektionen gehören –
hat später dazu geführt, dass Juden wie Ungeziefer dargestellt und vernichtet
worden sind. Eine spezielle Aura erhielt GOBINEAUS Gedankengut
in der Rezeption RICHARD WAGNERS.
Über Rassetheorien ist eine heute kaum mehr nachvollziehbare Doppelmoral
entstanden, die ruhrende Szenen von Nazis als liebende
Familienväter neben Vernichtungsöfen für Männer, Frauen und Kinder
möglich machte. Die Vernichtung von sogenannten Untermenschen
wurde in der Nazi-Zeit als Tugend dargestellt, als historische Tat, die
gerade als Voraussetzung einer arischen ,,Anständigkeit” angesehen
werden konnte. Juden wurden nun nicht als menschliche Gegner
ermordet, sondern wie Ungeziefer industriell vernichtet und verwertet.
Gerade deshalb ist heute eine moralische Wertung der Nazi-Verbrechen
so wichtig: Es handelte sich um massive Menschenrechtsverletzungen
und Mord. Die moralisch richtigen Worte zu verwenden
bedeutet, die Totenehre der Opfer zu wahren und den damals so bana-
2G
len, ja routinierten Alltag des Grauens zu brechen, indem zumindest
nachträglich jede kriminelle und monströse Gewalttat gegen Juden,
jeder der Millionen Morde als inhumaner Akt benannt wird.
Es gibt sicher Unterschiede in der Entstehung des religiösen Antisemitismus
und des rassistischen Antisemitismus, wobei sofort betont
werden muss, dass der rassistische Antisemitismus ohne religiösen
Antijudaismus nicht hätte entstehen können. Die inhaltlichen Bereiche
des späteren rassistischen Antisemitismus – nämlich Macht- und
Plausibilitätsfragen, Verbrechen, sexuelle Phantasien und so weiter –
sind alle schon im religiösen Antijudaismus vorgezeichnet und gewalttätig
ausgelebt worden, Noch heute sind vor allem Menschengruppen
für Antisemitismus besonders anfällig, die sich selber – bewusst oder
unbewusst – als parasitär empfinden, dies jedoch nicht zugeben, oder
die ihre Plausibilitätsprobleme nicht eingestehen wollen. Vielleicht
sind diese wichtigen inneren Probleme alle mit Machtfragen verknüpft,
weshalb auch HORKHEIMER und ADORNO in ihrer Analyse, was
in der Schoa passiert ist, sofort eine – noch heute bestrittene ~ Verknüpfung
entdecken müssen: der völkische Antisemitismus der Nazi-
Rassisten, die vor allem ihren Selbsthass des Parasiten-Daseins als
faschistische Herrscher den Juden aufbürdeten, ist direkt verknüpft
mit dem christlichen ,,Wiederholungszwang”, den eigenen Unglauben
an die Wirkung des Opfers Christi zu rächen, indem Juden beschuldigt
und verfolgt werden.
Welches Ideal wäre eine denkbare Gegenwelt gegen Antijudaismus
und Antisemitismus? Es wäre vielleicht Glück, und zwar das menschliche
Glück, daran zu glauben, ohne Macht glücklich werden zu
können: ,,Der Gedanke an Glück ohne Macht ist unerträglich, weil es
überhaupt erst Glück wäre“ (HORKHEIMER/ADORNO 1988 [1944] S. 181).
Der christlich-jüdische Dialog
Es gehört zur Geschichte des christlichen Antijudaismus, dass die Diskussion
um Konsequenzen, die die einzelnen Konfessionen aus dem
christlich-jüdischen Dialog ziehen möchten, eigentlich erst begonnen
hat. Es gibt schon eine stattliche Anzahl offizieller kirchlicher Papiere,
die Juden und Jüdinnen formal als Brüder und Schwestern anerkennen.
Dieser Wunsch kann nur dann ein ehrlicher Wunsch sein, wenn
Christen verbindlich auf Judenmission verzichten, das heisst wenn
Christen Juden wirklich als Juden akzeptieren lernen.
Eine instruktive Dokumentensammlung kirchlicher Verlautbarungen
aller Konfessionen zum Thema einer Erneuerung der christlich-jüdischen
Beziehungen haben ROLF RENDTORFF und HANS HERMANN
HENRIX 1988 vorgelegt. Zugleich müssen wir die bedenkliche Beobachtung
machen, dass es auch nach der Schoa eine längere Anlaufzeit
27
brauchte, bis überhaupt substantiell an diesen Fragen gearbeitet worden
ist. Die ersten Vertreter des christlich-jüdischen Dialogs haben persönlich
und gesellschaftlich viele Verletzungen einstecken müssen,
bis sich der christlich-jüdische Dialog als unverdächtige Bewegung
hat etablieren können. Dennoch bleiben wesentliche Fragen offen. Es
gibt zum Beispiel Christen, die das jüdische Volk und den Staat Israel
im Rahmen eines christlichen Endzeitdramas instrumentalisieren. Sie
unterstützen ideell und finanziell jüdische Einwanderer nach Israel,
weil sie damit die Wiederkunft Christi begünstigen möchten.
Nach der Schoa führte das Erschrecken über die Mitschuld der Kirchen
und christlicher Traditionen zu wesentlichen christlichen Neuansätzen.
Um von der Judenmission wegzukommen, bemühten sich universitäre
Institute und kirchliche Organisationen um einen Weg der innerkirchlichen
Aufarbeitung. Dabei werden oft verschiedene Agenden unterschieden,
nämlich Themen, die Christen mit Juden besprechen, und
Themen, die Christen nur unter sich behandeln. Die Gefahr dieser
christlichen Tendenz ist, dass Christen sogenannten versteckten Agenden
folgen, also wiederum ideelle Absichten als Ziel haben, die sie vor
Juden verbergen. Solche ,,versteckte Absichten” reichen von Rollen, die
Juden im christlichen Endzeitdrama zu spielen hätten, bis zu einem
zeugnishaften Vorleben eines christlichen Lebens, das auf eine Konvertierung
der Juden zum Christentum abzielt. Auch die Unterstützung
gewisser politischer Kräfte im Staat Israel kann als versteckte Agenda
dienen, indem politische Parteien Israels die christliche Prophetenauslegung
bestätigen und – gleichsam ohne ihr Wissen – erfüllen. Vielen
Christen gelang es wegen dieser versteckten Absichten bis heute nicht,
Juden und jüdische Gemeinden als gleichberechtigte Partner zu akzeptieren.
Zukunftsträchtige christlich-jüdische Begegnungsprojekte hingegen
streben einen offenen und ehrlichen Dialog von gleichberechtigten
Partnern -an. Gleichberechtigte Partner lassen Juden wie Christen
ihren eigenen Weg in der Welt und vor Gott selber bestimmen. Gleichberechtigung
bedeutet auch, einander ein Recht auf Wahrheit zuzugestehen,
die auch dann wahr bleiben darf wenn sie mir fremd und
verschlossen bliebe.
Auf der anderen Seite entdecken Christen bei der Aufarbeitung historischer
Schuld ursächliche Verknüpfungen, die nicht nur Intellektuelle,
sondern auch Geistliche zu einer Neuorientierung zwingen. Ein jahrzehntelanger
Prozess in der katholischen Weltkirche zum Beispiel versucht,
Versäumnisse und Fehler im Zentrum der Theologie zu benennen
und zu ,bearbeiten. Wichtige Schritte in dieser Richtung sind
schon getan, aber zu dem grundsätzlichen Bekenntnis, dass nicht nur
einzelne Christen versagt haben, sondern die katholische Lehre selber
sich schuldig gemacht hat und der Korrektur bedürftig ist, hat sich der
Vatikan offiziell noch immer nicht durchgerungen. Im gleichzeitigen
28
Prozess der Heiligsprechung von Edith Stein, einer Nonne, die zuvor
vom Judentum zum Christentum konvertiert war und wegen ihrer
jüdischen Herkunft von den Nazis ermordet wurde, könnte der Vatikan
den Eindruck erwecken, dass er die Option einer christlichen Vereinnahmung
des Judentums weiter unterstützt.
Hingegen gibt es einzelne Kirchen verschiedener Konfessionen, die
sich mit dem schwierigen Sachverhalt beschäftigen, dass dem materiellen
Raub, der Ermordung und industriellen Verwertung der Toten und
ihres Guts eine theologische Enterbung der Juden, theologisch motivierte
Entrechtungen, Verfemungen und Verfolgungen vorangegangen
sind. Das heisst bevor die Kirchen in der Lage sind, die materiellen und
immatriellen Verbrechen, die in der Schoa begangen wurden, moralisch
zu bewerten, müssen sie selber die kirchlichen Enterbungen, Verfolgungen
und Ermordungen der Juden ,,im Namen Gottes” kritisieren
und moralisch überwinden.
Ohne den Boden des christlichen Antijudaismus hätten die Nazis nicht
das europäische Judentum als Opfer par excellence aussuchen können.
Dafür die Verantwortung zu übernehmen, bedeutet eine theologische
Kritik und Neubesinnung im Kern aller christlicher Traditionen Europas.
Dies zu leisten vermögen nur Christen, die mit Juden einen offenen
Dialog als gleichberechtigte Partner pflegen. Es ist schon falsch
und im Grunde eine antijüdisch strukturierte Frage, wenn wir die
,,Rolle” der Juden in Bezug auf das Christentum bestimmen oder wenn
wir wahre Sätze über Juden formulieren möchten. Eine mitmenschliche
Beziehung kann nur dann entstehen, wenn wir es wagen, mit
Juden in aller Offenheit zu leben, das heißt, ihnen endlich das Recht
zugestehen, selbst zu formulieren, wer sie sein möchten, sogar und
gerade dann, wenn uns dies möglicherweise nicht entspräche.
Zu diesem Wagnis, Mitmensch zu sein, lade ich Sie herzlich ein! Diese
Einladung hat auch eine schmerzhafte Seite: Empathie für Andere
bedeutet Nachholen von Trauer: ,,Wo kein Truuerprozess stuendet,
entivickezt sich auch keine Empathie für andere Menschen . . . die Erinnerung
(kann) Trauer wecken zind einen Neuunfang ermöglichen. Liebe
kann an die Stelle des Todestriebes treten, sublimiert und in produktive,
Zebensbejuhende Arbeit umgesetzt werden” (JUDITH S. KESTENBERG, in:
BERGMANN et al. 1995, S. 21).
29
Kleine Auswahlbibliographie:
BAECK, LEO. Paulus, die Pharisäer und das Neue Testament. Schocken-Verlag,
1938. Nachdruck: Ner-Tamid Verlag, Frankfurt, 1961.
BERGMANN, MARTIN S. / Jucovy, MILTON E. / KESTENBERG, JUDITH S. Kinder der
Opfer. Kinder der Täter. Psychoanalyse und Holocaust. Frankfurt a. M., 1995.
BRÄNDLE, RUDOLF / JEGHER, VERENA. loharmes Chrysostomus. Acht Reden
gegenJuden. Stuttgart, 1995.
DAUM, RABBINER AHRON. Die Feiertage Israels. Frankfurt a.M., 1993.
GRAETZ, HEINRICH. Volkstümliche Geschichte derluden. Wien, 1923.
GRUNBERGER, BELA / DESSUANT, PIERRE. Narcissisme, Christianisme, Antist?mitisme.
Actes Sud, 1997 (eine psychoanalytische Deutung).
HAUMANN, HEIKO. Geschichte dw Ostjuden. dtv, 4. erneuerte Auflage, München,
1998.
HEINEMANN, JOSEPH / GUTMANN, JOSHUA / HERTZBERG, ARTHUR / POLIAKOV,
LEON / WEISSMANN, PAUL / HARKABI, YEHOSHAFAT / ELIAV, BINYAMIN. ,,Anti-
Semitism”, in: Encyclopaediajudaica, Jerusalem: Keter o.J., 111, S. 87-160.
HORKHEIMER MAX / ADORNO, THEODOR W. Dialektik der Aufklärung. Philosophische
Fragmente, Frankfurt a. M., 1988 (0 New York 1944).
Kirche und Israel 23, (1998) 1: WOLFGANG STEGEMANN. ,,Gab es eine jüdische
Beteiligung an der Kreuzigung Jesu?“, S. 3-24;
NICO RUBELI-GUTHAUSER. ,,Er starb. Und die GeMtaZt seines Todes voiederholte
sich”, S. 25-45;
CHRISTINA KURTH. ,,Der Prozess Jesu aus der Perspektive jüdischer Forscher.
Überlegungen zum Vorwurf der Schuld der Juden am Tod Jesu”, S. 46-58.
OSTEN-SACKEN, PETER VON DER. Evangelium und Tora. Aufsätze zu Paulus. München,
198%
RENDTORFF, ROLF / HENRIX, HANS HERMANN (Hg.). Die Kirchen und das Judentum.
Dokumente von 1945-1985. Chr. Kaiser, München, 21989.
ROSENZWEIG, FRANZ. Der Stern der Erlösung, 11921, Nachdruck: Frankfurt a. M.,
1988.
SCHOEPS, JULIUS H. / SCHLÖR JOACHIM (Hg.). Antisemitismus. Vorurteile und
Mythen 2G Beiträge mit Abbildungen. München, 1995.
STEGEMANN, EKKEHARD W. / STEGEMANN, WOLFGANG. Urchristliche Sozialgeschichte.
Die Anfänge im Judentum und die Christusgemeinden in der
mediterranen Welt. Stuttgart etc., 1995.
STEGEMANN, EKKEHARD. ,,Die Stellung Martin Luthers und der evangelischen
Christen zum Judentum.” In: Erika W&nzierI (Hg.), Christen undluden in
Openbarung und kirchlichen Erklärungen. Vom Urchristentum bis zur
Gegenwart. Wien 1988, S. 47-65.
ZENGER, ERICH. Das Erste Testament. Die jüdische Bibel und die Christen.
Düsseldorf, 31993.
,,Erschienen in: Gerhard Naser (Hg.), Lebenswege Creglinger
Juden. Das Pogrom von 1933, Bergstreute: Verlag Eppe ‘1999,
22000, ISBN 3-89089-057-1“

NICO RUBELI-GUTHAUSER,,Im Bild des Juden, das die Völkischenvor der Welt aufrichten,drücken sie ihr eigenes Wesen aus.Ihr Gelüste ist ausschliesslicher Besitz,Aneignung, Macht ohne Grenzen,um jeden Preis.Den Juden mit dieser ihrer Schuldbeladen, als Herrscher verhöhnt,schlagen sie ans Kreuz,endlos das Opfer wiederholend,an dessen Kraftsie nicht glauben können.“MAX HORKHEIMERTHEODOR ADORNO(1988 [1944], s. 177)Christlicher AntijudaismusEin Bogen vom Christentum zur Schoa: der christliche,,Gottesmordvorwurf”Begegnungen von Juden und Christen lösen bei Christen in Europajahrhundertealte, grundlegende Fragen aus: Warum gibt es ein jüdisches,,Nein” zu Jesus als Christus (hebräisch: Maschiach, griechisch:Christos, deutsch: Gesalbter)? Müssen wir Christen nicht zumindestdogmatisch darauf bestehen, Juden seien religiös mit Schuld behaftet?Diese Fragen kreisen um den Kern des christlichen Judenhasses, densogenannten Gottesmordvorwurf. Christen werfen Juden vor, am TodChristi schuld zu sein. Viele Christen fürchten sich davor, dass diechristliche Identität geschwächt würde, wenn dem nicht so wäre.Historisch wissen wir, dass Römer und nicht Juden Jesus zum Todeverurteilt und ans Kreuz geschlagen haben. In der neutestamentlichenForschung wird heute darüber diskutiert, aus welcher Zeit die Erfahrungenstammen, die in den Passionsgeschichten beschrieben werden.Erzählen die Evangelisten von historischen Vorgängen aus der ZeitJesu? Oder verarbeiten sie traumatische Erlebnisse ihrer Gegenwart?Wie ist die Rolle jüdischer Autoritäten zu beurteilen, wenn wir dieantiken Quellen ausserhalb des Neuen Testaments ernst nehmen?Die Szenen römischer Unterdrückung sind historisch als Erlebnisseder Evangelisten und der frühen Jesusanhänger im und nach demrömisch-jüdischen Krieg (66 bis 70 nach unserer Zeitrechnung) zuverstehen. Diese literarischen Bilder verstehen sich also nicht als,,Gerichts-Urkunde” eines historischen Geschehens, sondern als theologischeInterpretationen, als Predigten von Gläubigen für Gläubige.Bei der Lektüre des Neuen Testaments fällt uns sofort auf, dass Paulusund die vier Evangelisten historisch unvereinbare, uneinheitliche Bilderzeichnen. Und der römische Schriftsteller Tacitus schreibt als politischerKommentator seiner Zeit – nicht zuletzt aufgrund persönlicherAkteneinsicht – in polemischer Ironie über die Kreuzigung Jesu. Ererwähnt keine Mitschuld der Juden am römischen Foltertod Jesu ~obwohl es sehr gut zu seinem judenfeindlichen spöttischen Stil gepassthätte (vgl. Tac. ann. 15,44,3).Diese historischen Fragen zum Prozess Jesu werden erforscht, seit estheologische Wissenschaften gibt. Trotzdem ist die Rolle der Juden alsSchuldige in vielen christlichen Kreisen noch tief verankert. Dass dieKreuzigung des Juden Jesus gerade die Unterdrückung der Judendurch die Römer voraussetzt, ist in vielen Kirchengemeinden nochnicht Allgemeingut geworden.11Woher kommen diese kaum zu überwindenden Widerstände – trotzzur Verfügung stehendem besseren Wissen? Wieso fühlen sich vieleChristen innerlich noch immer genötigt, Juden Schuld aufzuerlegen?Die religiöse Erniedrigung von Juden, das Usurpieren der jüdischenTradition und die daraus folgende jahrhundertelange Diffamierung,Verfemung und Ermordung von Juden aus religiösen Gründen fassenwir mit dem Begriff ,,christlicher Antijudaismus”.Erschreckend ist, dass die Aufklärung, obwohl sie für sich in Anspruchnahm, die christliche Welt von ihrer selbstverschuldeten religiösenUnmündigkeit zu befreien, dennoch die antijüdischen Vorurteile nichtbrechen konnte. Im Gegenteil! Die auf Ausrottung zielende Gewaltgegen Juden erfand im letzten Jahrhundert einen mehrheitsfähigenrassistischen Antisemitismus und gipfelte im Massenmord der Schoa,dem Holocaust, einer kalt verwalteten, industriellen Vernichtung undVerwertung von Juden, Jüdinnen und ihren Kindern. Dass die umliegendenLänder und Kulturen, die ebenfalls vom Christentum geprägtsind, zusahen und wegsahen, den Juden kaum Hilfe anboten,kann nur begriffen werden, wenn wir den rassistischen Antisemitismusals Folge- und Begleiterscheinung des gewalttätigen christlich-religiösenAntijudaismus verstehen. Selbstverständlich gab es auch mutigeChristen, die Juden retteten. Sie sind aber eine kleine Minderheit imgrossen Christentum.Die Nazis benutzten zur Diffamierung und der daraus folgendenErrnordung der Juden aktiv alle verfügbaren religiösen Feindbilder.Eine Nazi-Karikatur illustriert zum Beispiel mit rassistischer Schärfeeine Szene aus der Tradition christlich-antijüdischer Phantasien undformuliert die Bildbeschreibung: ,,Der Nürnberger Jude Otto Mayerpflegte seine Opfer zu kreuzigen. In völlig nacktem Zustande band er siean ein eigens dazu angefertigtes Holzkreuz und schändete sie, sobald ausden Wundmalen Blut floss.” (Encyclopaedia Judaica 111, S. 134)Wie kommt ein rassistischer Nazi dazu, sich bejahend auf das Christentumzu beziehen, mit einer Kreuzigungsszene und der speziellenBedeutung von Wundmalen? Er konnte darauf zählen, dass christlichsozialisierte Menschen tief emotional darauf reagieren. Vielleichterkennt der Betrachter sogar, dass die Geschichte mit diesem HerrnMayer erfunden und erlogen ist, aber das Feindbild ,,des Juden” sprichtdoch etwas in ihm an: eine tiefe, jahrhundertealte Abwertung, ein Bild,mit dem man während Generationen Gewalt und Mord an Judenrechtfertigte.Auch heute noch, nach dem Erschrecken über die Schoa (den Holocaust),werden die verzerrenden Bilder über Juden weitergetragen,Bilder, die die Diskriminierung und den Angriff auf Juden als irgendwiegerechtfertigt erscheinen lassen. Viele erleben auch heute noch,12Aus ,,Der Giftpilz. Ein Stürmerbuch fürJung und Alt.”Dieses antisemitische Bilderbuch ist 1938im Stürmer-Verlag, Nürnberg, erschienenmit folgendem Text zu nebenstehenderAbbildung:,,,,WWeennnn iihhr re ienin K Krreeuuz zs esheth,t ,d daannnn ddeennkkt t aannden grauenhaften Mord derr lluuddeen aufGolgatha . . .”dass im Moment, in dem sich jemand als Jude, als Jüdin zu erkennengibt, die Beziehung sich schlagartig ändert. Wir Nichtjuden habenMühe, mit der jüngsten Geschichte umzugehen: Unbewusste Bilder,die wir gleichsam mit der Muttermilch eingesogen haben, lassen denBezug zu Juden als unbequem erscheinen. Diskriminierende Bildergegen Juden werden erst dann vergangene Geschichte werden, wennwir lernen, uns zu erinnern: Wir müssen es uns in aller Klarheit erarbeiten,dass diese Bilder menschenfeindlich und kriminell sind. DieVerzerrungen von Antijudaismus und Antisemitismus haben mit denJuden gar nichts zu tun, aber sie treffen sie: die Mythen sind christlich,die Opfer sind jüdisch. Christen degradieren Juden zu Objekten. DasProblem des Judenhasses ist ein Problem der Christen, die einen tiefenDrang und gedankliche Notwendigkeiten verspüren, Juden zu verachtenund ,,wegzuschaffen”.13Wo finden wir Gründe dafür? Die religiös begründete ,,Enterbung” derJuden versuchte, das Usurpieren jüdischer Traditionen zu verdecken:Nachdem jüdische Texte, Lieder und auch Hoffnungen den Juden weggenommenworden sind, um sie in ,,christlichen” Bibeln und Gottesdienstenals ,,christliche” Stimmen auszugeben, wurde das jüdischeVolk notorisch als Opfer von Enteignung und Gewalt freigegeben.Juden – allein dadurch, dass sie existierten und weiter jüdisch lebten -erinnerten Christen an ihr kulturelles Unrecht und an die Möglichkeit,nicht nur im Unrecht zu sein, sondern auch Unrecht zu haben. Die religiösbegründete Entrechtung und Ermordung von Juden versuchte imGrunde, zwei christliche Glaubensprobleme aus der Welt zu schaffen:Erstens den Zweifel an der Versöhntheit der christlichen Welt, von derChristen eben etwas zu direkt behaupteten, sie sei schon versöhnt. Undzweitens den Unglauben an die geistliche Versöhnung durch Christus,die man zwar breit beredete und doch wenig davon erlebte. Antijudaismusist auch Selbsthass, er spiegelt jahrhundertealte religiöse Problemeder Christen.Das biblische ZeugnisChristen beziehen sich in ihrem Glauben auf die fundamentalen jüdischenHoffnungen, die die Hebräische Bibel, das sogenannte Alte Testamentbezeugt. Der christliche Begriff des ,,alten Bundes” fusst auf denBriefen des Apostels Paulus (vgl. 2 Kor 3,14). Der Gegensatz ,,alt – neu”deutet auf ein typisches Modell christlicher Diskriminierung der Mutterreligionhin: ,,Judentum war früher – Christentum gilt heute, dasAlte hat Wahrheiten verheißen – das Neue hat sie realisiert, das Judentumist einmal wichtig gewesen – das Christentum hat es überwunden.”Jahrhundertelang wurde nur in herabsetzenden Modellen vomJudentum gesprochen. Diese diskriminierenden Modelle versuchendarüber wegzutäuschen, dass der innerste Kern des christlichen Glaubens,nämlich die Versöhnung, die biblische Gottes- und Nächstenliebe,einer zentralen jüdischen Tradition entnommen ist: der Traditiondes Jom Kippur, des ,,Versöhnungstages”. In der ,,Mischna”, dem ältestenTeil des Talmud, die in den ersten zwei Jahrhunderten unsererZeitrechnung entstanden ist, steht: ,,Sünden des Menschen gegen Gottsühnt der Versöhnungstag Sünden des Menschen gegen seinen Mitmenschensühnt der Versöhnungstag nicht, bis man dessen Verzeihung erlangthat” (mJoma 8,9).Die Nächstenliebe und die Gottesliebe stellt der Jude Jesus von Nazarethins Zentrum des Glaubens (Mk 12, 28 ff par). Jesus bestätigt damitden Kern der jüdischen Religion. Das Doppelgebot der Liebe ist einerseitsdas Fundament und Zentrum der jüdischen Bibel (3. Mose 16 und1419,18) und spiegelt andererseits die jüdische Diskussion der Rabbinerzur Zeit der neutestamentlichen Schriften. Das Gespräch von RabbiAqiva mit Ben Assai (BerR 24,7; jNed 41c etc.) behandelt zum Beispielgenau dieses Thema der Nächstenliebe als ,,Motto” der ganzen Bibelund folgert dasselbe wie Jesus und seine Jünger. Viele weitere ,,christliche”Kernwahrheiten sind jüdisch: der von den Christen proklamierteVersöhner selber, dessen Titel (Maschiach, Gesalbter) und auch derBegriff eines ,,Reich Gottes”. Das heißt, die Vorstellungen eines kommendenGottesreiches, die Traditionen des Christusglaubens, sind imRahmen jüdischer Messiasvorstellungen erlebt und entwickelt worden.Rabbiner LEO BAECK schrieb in seiner Schrift ,,Das Evangelium alsUrkunde der jüdischen Glaubensgeschichte”, das 1938 im Schocken-Verlag erschienen ist: ,,(Das Evangelium) ist ein jüdisches Buch . . . deshalb,durchaus und ganz deshalb, weil die reine Luft, die es erfüllt undin der es atmet, die der Heiligen Schrift ist, weil jüdischer Geist, und nurer, in ihm waltet, weil jüdischer Glaube und jüdische Hoffnung jüdischesLeid und jüdische Not, jüdisches Wissen und jüdische Erwartung, sieallein es durchklingen – ein jüdisches Buch inmitten der jüdischenBücher” (1961 [1938], S. 162].Es gehört zur Geschichte des christlichen Antijudaismus, dass nurwenige christliche Gelehrte damals das Gesprächsangebot Baecksbeantworteten. Es ist die Zeit, als die christlichen Kirchen und dieMehrheit der Christen versagten. Sie versagten nicht nur aus Angst,sondern auch, weil die Verfolgung der Juden mit dem Ziel ihrer Ausrottungzutiefst dem christlichen Antijudaismus entsprach und einKontinuum von den Christen zu den Nazis darstellte. Es gab aber auchAusnahmen! Der Neutestamentler Professor Karl-Ludwig Schmidt warein wahrer Menschenfreund. Er nahm das Gesprächsangebot von LeoBaeck an. Er half auch Juden, widersprach der menschenfeindlichenGesinnung der Nazis und musste mit seiner Familie in die Schweizemigrieren.Die frühe Jesusbewegung bestand zuallererst nur aus Juden undallmählich auch aus Nicht-Juden, die zu den Freunden der Synagogegehörten, den sogenannten Gottesfürchtigen (STEGEMANN 1995,S. 168 ff.). Weshalb sich die Jesusbewegung vom Judentum zu distanzierenbegann und sich in nicht-jüdische Bereiche hineinentwickelte,wird verschieden beantwortet. Christliche Dogmatiker, die etwas religiösabsolut ,,Neues” im Christentum sehen möchten, sind der Ansicht,dass es ein charakteristisches Merkmal (ein christliches ,,Proprium”)für dieses absolut ,,Neue” gebe und erklären dieses zum ,,Spaltpilz”zwischen Judentum und Christentum. Dem Judentum sind aber keine15Ideen des Neuen Testaments fremd: Weder der Glaube an Messiasfiguren,noch die Gottesreich-Vorstellungen, noch die nahe und persönlicheBeziehung zu Gott, sodass die Fiktion eines Bruches von Jesusmit dem Judentum selbst als antijüdische Projektion beurteilt werdenmuss. Es hat sich wohl gerade umgekehrt abgespielt: Die römischeUnterdrückung von jüdisch-messianischen Bewegungen und der inden zunehmend von Nichtjuden geprägten Christengemeinden entstehendeAntijudaismus scheinen die wichtigsten Ursachen dargestelltzu haben, sich immer stärker vom Judentum zu distanzieren.Im Neuen Testament können wir zunächst innejüdische Streitigkeitenerkennen, wenn zum Beispiel Paulus im ältesten uns überliefertenBrief schreibt: ,,Doch der Zorn ist ganz über sie (die Juden, 2,14) gekommen”(1 Thess 2,16). Interessant ist an dieser Stelle, dass die nicht-jüdischeÜbersetzung des griechischen Urtextes und dessen Auslegung dieFeindseligkeit verschärft hat, indem die von Paulus als Zorn erfahrenentraumatischen Kriegshandlungen und Verfolgungen durch die Römervon vielen Theologen zum Zorn Gottes in einer nahen Zukunft umgedeutetworden sind. Das Johannesevangelium spricht schon viel pauschalerüber ,,die Juden” und enthält den wohl diffamierendsten Satzdes Neuen Testaments, der ,,die Juden” als Kinder des Teufels beschimpft(Joh 8,44).Die KirchenväterSchon eine Generation nach den Autoren der neutestamentlichenSchriften, also in der Zeit der frühen Kirchenväter, wird der klassischchristlicheAntijudaismus ins Zentrum der christlichen Lehre gerückt.Viele Kirchenväter haben keinen Bezug mehr zur jüdischen Bildung.Sie lesen die Heiligen Schriften ausschliesslich durch die Brillen griechischerund römischer Kultur. Dabei wird das Judentum insbesondereals Vorforrn des Christentums benutzt, polemisch bekämpft undgrundsätzlich zur Negativfolie des Christentums, ja oft genug zumBösen schlechthin. Die jüdische Familie Jesu wird auf die Seite desChristentums gezogen, Judas und die ,,Ungläubigen” werden auf dieSeite des Judentums geschoben.Der Bischof Melito VON SARDES, der Metropole von Lydien – er starbgegen Ende des 2. Jahrhunderts – schrieb zum Beispiel eine Taufliturgieauf dem Fundament des jüdischen Pessachfestes (es feiert im Frühlingden Auszug aus Ägypten). Dabei beerbte er das Judentum in einerfür die Kirchenväter üblichen direkten Art und Weise. Er stellte denAuszug der Juden aus Ägypten so dar, dass er direkt auf die christlicheTaufe und das Christusereignis hinweist. Der Bischof nahm den Judendie jüdische Geschichte weg, um sie als eine christliche Tradition fürsich zu benutzen. Mit dem Begriff ,,wahres Israel” meinte die Kirchenun sich selbst. Die Juden hatten für sie religiös keine Legitimitätmehr. Es entstand eine besondere Kultur der Zurückweisung möglicherjüdischer Angriffe, nämlich polemische Schriften ,,gegen Juden”:Die lange Kette der sogenannten Adversus-Zudaeos-Schriften (d. h.,,Schriften gegen Juden”) waren in der Angst geschrieben worden, Christenkönnten sich vom Christentum weg- und auf das Judentum zubewegen.Sie versuchten also, Dämme der Feindschaft gegen Ängstevor christlichen Schwächen und vor Identitätsverlust aufzurichten.Zugleich wurden die Juden und das Judentum mit allen Mitteln derRhetorik und bekannten und neu geschaffenen Vorurteilen verunglimpftund geschmäht. Nicht ohne ethische Bedenken und nicht ohneErschrecken über die blutige Wirkungsgeschichte haben RUDOLFBRÄNDLE und VERENA JEGHER Reden des grossen Kirchenvaters JOHANNESCHRYSOSTOMUS neu übersetzt und auf Deutsch veröffentlicht; dieseReden tragen den aussagekräftigen Titel ,,Acht Reden gegen Juden”. DieHerausgeber schreiben zu Beginn der Neuausgabe: ,,Wohl jeder Leser,jede Leserin dieser Reden vvird erschrecken über das Zerrbild der Juden,das in ihnen gezeichnet vuird, über die Verunglimpfungen und Beschimpfungen,die sie enthalten. Sie sind ,boshafte Rede’. Angesichts derSchmerzlichen Geschichte der Beziehungen zwischen Christen und Juden,die seit dem Mittelalter in immer gewalttätigeren Unterdrückungs- undVUnichtungsma$nahmen sich artikulierte und ihren Gipfel in der Shoahfand, stellt sich die Frage nach den Fernwirkungen eines solchen TextesNur mit gro$em Zögern legen wir die acht Reden nun in einer neuenÜbersetzung der Öffentlichkeit vor” (BRÄNDLE/JEGHER 1995, S. IX).Diese kirchliche Literaturform gab schon in ihrer Absicht – Juden zuhassen – zu, dass es sehr wohl ethisch fragwürdige und der Wahrheitnicht dienliche Beziehungen zum Judentum und zur jüdischen Traditiongibt.Feindbilder, die auf Ausrottung zielenBald wird im Christentum ,,der Jude” zum ,,Andern” schlechthin. DasFremde, das Böse ist für Christen über Jahrhunderte hin jüdisch. Derchristliche Antijudaismus nimmt zunehmend eliminatorische, also aufAusrottung zielende Züge an. Bei der Frage ob ,,Christ oder Jude” gehtes dem Christen um Sein oder Nicht-Sein. So werden Juden im christlichenMittelalter immer wieder vor die Entscheidung gestellt: Taufeoder Tod!Zu den am meisten gelesenen jüdischen Büchern in Deutschlandgehörte zur Zeit der letzten Jahrhundertwende das eindrücklichedidaktische Werk ,,Volkstümliche Geschichte der Juden” von HEINRICHGRAETZ, das 1887-1889 entstanden und bis 1930 in zehn Auflagenerschienen ist. Der Historiker und Bibelforscher beschreibt folgende17Begebenheit aus dem 12. Jahrhundert: ,,Der wilde Geist frommen Mordespflanzte sich unwiderstehlich von Deutschland nach Frankreich fort,als die Kreuzzügler sich auch du im Frühjahre sammelten. In Carenton(Depart. Manche) entstand eine förmliche Schlacht zwischen WaZZbriLdem und Juden, da die Zetzteren, in einem Hofe versammelt, sich gegenden über$aZZ verteidigten. (. . .> Selbst unweit des Klosters CZairvaux,unter den Augen des Abtes Bernhard, trieb die wiZde Kreuzfahrerbandeungescheut ihr blutiges Handwerk. Sie ÜbefieZ die jüdische GemeindeRamerii um suveiten Wochenfesttage (d. i. Schavuot, N. R.), drang in dasHaus des wegen seiner Tugenden und GeZehrsamkeit unter der europäischenJudenheit angesehensten Topafisten Jakob Turn, raubte seineganze Habe, zerrij? dabei eine Thorarolle und schleppte ihn aufs Feld, umihn unter Martern zu töten und un ihm Jesu Wunden und Tod zu rächen(d. i. der Gottesmordvorwurf, der ganz direkt zu Gewalttaten verleitet,vgl. oben, N.R.). Fünf Kopfwunden harten sie ihm schon versetzt, und erwar nahe daran zu erziegen, als glücklicherweise ein ihm bekannter Ritterdes Weges einherzog. R. Tarn hatte noch so viel Bewu$tsein, ihn umHiZfe anz&ehen, die der Ritter ihm aber nur unter der Bedingung zusagte,wenn er ein stattZiches Ro$ als Belohnung erhalten soZZte. Der nichtsehr edle Ritter redete hierauf der Mörderbande zu, ihm das Opfer zuüberlassen, er werde es zur Taufe bewegen oder ihren Händen wiederüber-Ziefer-n” (Ausgabe 1923, Band 2, S. 382 fl).Diese eliminatorische, ja staatlich verordnete Gewalt, hat damit zu tun,dass das Christentum seit dem 4. Jahrhundert politische Macht erlangthatte und später die alte Welt beherrschte. Dogmatische Fragen sindnun zugleich auch politische Bekenntnisse. Es gibt Gesetze gegenJuden, Vertreiburigen, Enteignungen und Morde.Strukturen des AntijudaismusWas sind Grundstrukturen des religiösen Antijudaismus? Dem Antijudaismusgeht es zuallererst um Fragen der Identität. Der offeneDrang, Juden auszurotten, zeigt, dass Christen bei antijüdischen Feindseligkeiteneine Existenz-Frage empfinden: Christ sein oder tot sein,nicht mehr existieren. Das heißt, im Antijudaismus öffnen sich alleSchleusen der Anfragen an unser Dasein, und damit verknüpft erscheinendie bohrenden Probleme einer denkbaren Nicht-Plausibilität meinerWelt.An vielen Veranstaltungen, die Judenhass aufarbeiten, höre ich dieFrage: ,,Warum werden Sie nicht Jude, wenn Sie sich so für Juden einsetzen?”Fast reflexartig kommt in christlichen Seelen offenbar eineExistenzangst auf: Wenn ich den Antijudaismus innerlich wegräume,muss ich damit nicht auch mein Christ-Sein aufgeben? Obwohl dieFrage logisch absurd ist, leuchtet sie in Europa vielen Menschen ein:18Die Antijudaismusbekämpfung wird bei vielen Menschen als Angriffauf die eigene Identität empfunden. Warum verhält sich dies so? Weiljahrhundertelang Plausibilitätskrisen mit Antijudaismus übertünchtworden sind, weil Generationen ihre Identitätslöcher mit judenfeindlichenMotiven gestopft haben, deshalb löst der Versuch, Antijudaismuswegzuräumen, Angst aus.Diese Struktur hat historische Ursachen. Jeder antijüdische Vorwurfbirgt einen historischen Kern. Aber der Kern ist nicht bei den Opfernder Diffamierung zu suchen, sondern bei den Tätern. Wie auch immersich Juden benommen haben, ob Juden sich integriert oder abgegrenzthaben, die Feindbilder setzten sich fort. Das heisst, Juden können denAntijudaismus durch ihr Verhalten nicht brechen. Der historische Kerneines jeden christlich-antijüdischen Feindbildes liegt in einem Problemder Christen.Juden und GeldEin altes und ständig Gewalt auslösendes antijüdisches Thema ist,,Juden und Geld”. In Tausenden von Varianten begegnet es uns. Derhistorische Kern dieser antijüdischen Tradition, die in der neuerenZeit Juden als Kapitalisten und als Kommunisten zugleich erscheinenlässt, hat auch einen religiösen Hintergrund. Weil die Hebräische Bibeles verbietet, Zinsen anzusammeln, haben christliche Herrscher Judengenötigt, die Geldgeschäfte zu übernehmen. Nachdem aber beimAufkommen der Städte und später – bestärkt durch reformatorischeTheorien – Christen selber das Geldgeschäft in die Hand nehmenwollten, hat man den Juden wieder verboten, Geldgeschäfte zu tätigen.Beides, der Geldberuf für Juden und dann wieder das Berufsverbot fürjüdische Bankiers sind Zwänge der christlichen Herrscher gewesen.Diese problematische Beziehung der Christen zum Geld hat auch dazugeführt, dass Juden härter besteuert wurden als andere Menschen, dassJuden regelmäßig enteignet wurden, insbesondere bei Vertreibungen.Diese christlichen Verbrechen brachten Schuldgefühle hervor, die wiederumden Opfern angelastet worden sind. Nachdem Christen Zwangausgeübt hatten, Berufsverbote verhängt, unmenschliche Zölle erhoben,Juden enteignet oder ihnen Besitz verboten hatten, kehrten sie dieSpieße um: In ihren Augen waren die Juden geizig, geldgierig, an illegalemBesitz interessiert, parasitär. Und heute, bei der Aufarbeitungdieser Verbrechen, die ihren Gipfel in der schaurigen Verwertung derToten und ihres Guts durch die Nazis und ihre vielen Helfershelfererreicht haben, erleben wir den schrecklichen Mechanismus, dass wiederJuden beschuldigt werden. ,,Wenn der Bürger schon zugibt, dass derAntisemit im Unrecht ist, so will er wenigstens, dass auch das Opferschuldig S~~“(HORKHEIMER/ADORNO 1988 [1944],S.203).19Vorurteile um das Thema EssenWeit verbreitet war das judenfeindliche Bild einer sogenannten Judensau,die Juden säuge. Wie die Legenden von Hostienschändungen(siehe unten) erhielt die ,,Judensau” im 13. Jahrhundert eine breitePopularität und wurde im 15. Jahrhundert durch die neue Technik desDruckens allgemein vertrieben und bekannt. Die zeichnerischen Darstellungender ,,Judensau” – mit säugenden oder andern schändlichenDingen treibenden Juden – wurden auch mit beschreibenden Erklärungenversehen. Ende des 14. Jahrhunderts verbanden sich Darstellungeneiner ,,Judensau” üblicherweise mit Bildern von Ritualmordvorwürfen,insbesondere der Wanderlegende des Ritualmords am ,,KindleinSimeon”. Diese verleumderische Phantasie wurde sogar mit Sodomie-vorwürfen verbunden. Dabei wurde absichtlich verkehrt, was imJudentum im Gegensatz zum Christentum als Tabu gilt: Die jüdischenSpeisevorschriften verbieten das Essen von Schweinefleisch. KulturelleRegeln, also die Leistung der Menschen, kultiviert zu leben, hinterlassengespaltene Gefühle. Immer dort, wo die Zerrissenheit nicht ausgehaltenwerden will, bietet sich im christlichen Abendland die Judenfeindlichkeitals ,,einfache Lösung” an.Diese Problematik mit dem Essen verband sich also tragisch mit derRitualmord-Legende, nach der Juden des Kindermords bezichtigt undangeklagt wurden, sie würden Christenknäblein oder Jungfrauenrituell ermorden. Ein interessanter Fall ist zum Beispiel ein Ritualmord-Vorwurf in Nordböhmen gegen Ende des 19. Jahrhunderts.,,In dieser erregten Zeit fand man am 1. April 1899 in der Nähe einesnordböhmischen Dorfes ein totes neunzehnjähriges Mädchen, ermordet,wie sich herausstellte, mit einer gro$en SchnittYvunde am Hals. NationalistischeKreise n&ten den Verdacht schnell auf dieluden, und auch einVerdächtiger war bald entdeckt: der jüdische Schustwgeselle LeopoldHilsner. In einer beispiellosen Kampagne wurde behauptet, Hilsner habeeinen Ritualmord an dem christlichen Mädchen begangen, um ihr Blut zurituellen Zwecken am Pessach-Fest zu benutzen. Die allgemeine Judenhysteriesteigerte sich, an vielen Stellen sollten nun Ritualmorde begangenworden sein” (HAUMANN 1998,182 f).Der jüdische Schustergeselle wurde mit dem Todesurteil bedroht. Diesehr zweifelhafte Beweislage überspielte man mit Hilfe von sexuellenVorwürfen. Das Todesurteil wurde in eine lebenslängliche Haftstrafeumgewandelt. 1916 schliefilich wurde der Unschuldige begnadigt. Denbekannten Professor und späteren Staatspräsidenten Masaryk beschimpfteman wegen seiner aufklärenden Hilfe als ,,Judenknecht”; ermusste wegen Demonstrationen, die sich gegen ihn richteten, seinenUnterricht vorübergehend einstellen, Der Mörder, es war der Bruderdes Opfers, enthüllte die Wahrheit erst 1961 auf seinem Totenbett.Verbreitetjl8.lahrhundert~20Die Kar- und Osterzeit war für Juden stets eine besonders gefährlicheZeit. Die christliche Botschaft von Kreuz und Auferstehung verbandsich auf tragische Weise mit einem betont religiösen Judenhass undmit Gewaltakten gegen Juden auf offener Straße. An Festen christlicherVersöhnung werden charakteristische Muster von gesellschaftlichemHohn und Verbrechen sichtbar. ,,Den Juden mit dieser ihrer Schuld beladen,als Herrscher verhöhnt, schlagen sie ans Kreuz, endlos das Opferwiederholend, an dessen Kraft sie nicht glauben können” (HORKHEIMER/ADORNO 1988 [1944], S. 177).Gerade in hochkirchlichen Tagen neigte der Mob zu Gewalttatenund Verfolgungen. Warum.7 Weil offenbar Christen diese Zeit mitnagendem Selbsthass, mit einem unbewusst schwelenden Unglaubenverbanden, der darin mündete, Juden zu beschuldigen und anzugreifen.Und wie das Zitat bei HORKHEIMER und ADORNO aufzeigt, warauch dies eine antijüdische Tradition, die ungebrochen in die Kulturder ,,Völkischen” floss; Christen haben ihr Eigenes zum Reich derFaschisten beigetragen. Das eindrückliche Beispiel der Legenden vonHostienschändungen mag diesen zugleich komplizierten wie brutaldirekten Vorgang illustrieren. Hass folgt einem stapelnden Mechanismus:Wie es bei Feindbildern üblich ist, überlagern sich die verschiedenenBereiche.HostienschändungenEs gibt vom 13. Jahrhundert an in unzähligen Legenden und Bildergeschichtenantijüdische Erzählungen von Hostienschändungen.Einem Juden, einer Jüdin wird die Schuld zugesprochen, eine Hostiegestohlen und geschändet zu haben. Es ereignet sich ein ,,Blutwunder”,die heilige Hostie blutet. Christen werden auf den Frevel aufmerksam.Die letzte Szene dieser Geschichten zeigt, wie Juden verurteilt werdenund auf dem Scheiterhaufen brennen.Was ist die Funktion solcher Geschichten? Die Zeit, als diese Geschichtenin Mode kamen, deutet auf ihren historischen Kern: Im viertenLaterankonzil, im Jahr 1215, wurde die christliche Lehre der sogenanntenTransubstantiation festgeschrieben: Die Vorstellung, dass sich inder Heiligen Messe Brot und Wein wirklich und wahrhaftig in Fleischund Blut verwandeln, wurde allen Christen in feierlichstern kirchlichenBeschluss verordnet. Diese Transubstantiation war schon für die damaligenChristen nicht nur ein schwierig auszusprechendes Wort, auchder Inhalt, für den das Wort stand, war offenbar schwer nachzuvollziehen.Aber dieses Glaubensproblem durfte nicht offen eingestandenwerden, es war verordnet und wurde Gesetz. Wie kann man eine vonhöchster Stelle aufgezwungene Glaubenskrise nun lösen? Ein Weg,21den damals viele Christen wählten, war, die Glaubenskrise antijüdischauszuleben und zu übertünchen: Juden werden beschuldigt, wenn diechristliche Abendmahlslehre Probleme aufweist. Und die Geschichtenvon Hostienschändungen erfreuten sich unerhörter Beliebtheit – nichtdeshalb, weil sich Juden so oder anders benommen hätten, sondernweil die christliche Transubstantiationslehre offenbar nicht so sehr einzuleuchtenvermochte. Es ist kein Zufall, dass in einem Kanon desselbenKonzils festgeschrieben wurde, dass Juden sich speziell undfür Christen erkennbar kleiden mussten.Juden als Sündenböcke:Verbrechen und unerklärliche KrankheitenSobald ein Kind vermisst wurde, fand man bald einen Juden, den manals Sündenbock beschuldigen und strafen konnte (vgl. z. B. GRAETZ1923, 11, 4Sln). Bei unerklärlichen Krankheiten, wie zum Beispiel derPest, wurden ganze jüdische Gemeinden für schuldig erklärt und verfolgt.Manche exekutierten ihre jüdischen Mitbewohner sogar, nochbevor die Seuche ausgebrochen war. Die christliche Gesellschaft inBasel verbrannte am 16. Januar 1349, einem Freitag, in einer Barackeauf einer Rheinfurt alle Juden mit Frauen und Kindern, die sie greifenkonnte.Auch hier gilt: Gefahren, die die Existenz bedrohen und nicht fassbarerscheinen, werden mit antijüdischer Gewalt bekämpft. Juden werdenals Sündenböcke ermordet. Die Krankheit bleibt. Das Perfide der Pest-Situation war, dass der Standard der Hygiene bei Juden im Mittelalteretwas höher war, weil sich Juden regelmässig rituell waschen und Reinheitsvorschriftenin der Küche bewusst gestalten. Die Pest nun erreichtejüdische Häuser genauso wie christliche, aber es konnten Verzögerungenbeim Ausbruch der Krankheit auftreten, die das Vergiftungsmotivscheinbar rational untermauerten. So galten die Juden als ,,Brunnenvergifter”,die das Wasser der Christen vergifteten. Es ist eine grausameWendung der Geschichte, dass später Gift und Gas als Methodengewählt wurden, Juden umzubringen. Und noch heute ereignet sichdiese antijüdische Tradition in unserer Sprache, wenn ein Autorschreibt, er möchte das christlich-jüdische Verhältnis ,,entgiften”, oderwenn wir den schrecklichen umgangssprachlichen Ausdruck ,,bis zurVergasung” hören. Auch hier verbindet sich mittelalterliche Judenverfolgungmit Auschwitz. Der Bruch mit diesen Traditionen ist noch langenicht erreicht: Wir sind aufgefordert, diese Bilder in aller Klarheit zuerkennen und sie aus dem Dunst ,,des Unerklärlichen” herauszuholen.22Erotische ProjektionenJuden wurden immer wieder auch sexuelle Verfehlungen und Verführungenvorgeworfen. Hier wird das Projizieren besonders deutlich:Bedürfnisse und Wünsche, die in der christlichen Seele schlummertenund verdrängt wurden, kehrten sich nach außen und wurden Judenangedichtet. Die Quellen solcher Phantasien hatten überhaupt nichtsmit Juden oder Judentum zu tun, sondern mit den sexuellen Problemenderer, die sich diese Dinge ausdachten. Erotische Vorwürfe verbindendie Judenfeindlichkeit mit dem breiten Rassismus, wo geradeBilder von Potenz und Lust in ,,Fremde” hineinprojiziert werden. Dabeiverschärfte sich die antijüdische Gewalt, je körperfeindlicher sich diechristliche Konfession darstellte.Der Reformator Martin LutherSusanna und die Ältesten. Eine deutsche Im evangelischen Bereich ist das Beispiel Luthers besonders schmerz-Karikatur des Ölbildes von Arnold Böcklin. haft. Nachdem sich Martin Luther der hebräischen Schrift zuwandte,von Juden dafür auch begeisterte Echos erhielt, kippte seine Liebe zurjüdischen Tradition um in Judenhass. Er schrieb 1543 die schrecklicheSchrift ,,Von den Juden und ihren Lügen”, die auch direkte Anleitungzu Gewaltausschreitungen gegen Juden gab, nämlich Synagogen anzuzünden,jüdische Häuser abzubrechen, jüdische Bücher wegzunehmen,den Rabbinern unter Androhung der Todesstrafe das Lehren zu verbie-/ten, Juden das Reisen zu untersagen, Juden den Geldhandel zu verbieten,ihr Geld zu enteignen (bis sie zum Christentum konvertiert sind),Juden zu körperlicher Arbeit zu zwingen, Juden des Landes zu verweisen. . . Luther zeigt deutlich auf, dass er die vermeintliche theologischeKrise nicht aushalten konnte, dass Juden sein christlich-messianischesDenken nicht übernehmen wollten. Luther wollte Juden instrumentalisieren,sie nur dann akzeptieren, wenn sie Christen werden und ihrJude-Sein aufgeben. Er fiel in das alte christliche Modell zurück: Taufeoder Tod. Dies deutet auch daraufhin, dass gerade der Kern der TheorieLuthers, die die Welt verändern sollte, Plausibilitätsprobleme aufweist.Was in seiner evangelischen Theologie nicht funktioniert, bürdeter den Juden auf, er setzt sich hin und schreibt geduldig und sorgfältigauf, wie Christen Juden hassen, ja wie sie Juden Gewalt antun sollen -es sei denn, Juden wurden zum Christentum konvertieren.Martin Luthers Anleitung zu antijüdischer Die Christen sind es, die ,,den Juden” zum ,,Anderen” par excellenceGewalt ,,Von den Juden und ihren Liigeni gemacht haben; Juden erscheinen als die Feinde (seien es häretischeWitrenbwg 1543 Gruppen, Andersgläubige, Fremde, seien es später Kapitalisten oderKommunisten). Aus den Projektionen, Juden würden sich destruktivauf die Gesellschaft beziehen, sind bald auch Verschwörungstheorienentstanden, die noch heute weitverbreitete Motive der Judenfeindschaftdarstellen. Verschwörungstheorien haben vor allem mit der zunehmendenKomplexität der wirtschaftlichen Vorgänge und Systemezu tun, deren Gefahren oder negative Auswirkungen, wenn sie nichtmehr überschaubar erschienen, in simplen Modellen abgewehrt wurden:Juden werden notorisch für alle Schwierigkeiten der wirtschaftlichenModernisierung beschuldigt.Das christliche RealitätsproblemEine weitere typische Struktur des religiösen Antijudaismus ist, dassChristen ihr Realitätsproblem übertünchen wollten: In der Geschichtedes Christentums drohten viele Christen den Bezug zur Realität zu verlieren,indem sie oft gegen alle Wirklichkeit von einer Erlösung gepredigthaben, die nur ,,in den Köpfen” stattfindet. Die Gefahr eines ,,ver-.geistigten” Glaubens ist, dass er die Herzen der Menschen nicht erreichenkann, wenn die Augen weiterhin eine unerlöste Wirklichkeitsehen, wo Gewalt und Not wüten. Juden erinnern Christen daran, diebiblische Tradition neu zu entdecken und die Realität nicht zu verleugnen.Der Religionsphilosoph FRANZ ROSENZWEIG hat in seinem Buch ,,DerStern der Erlösung” formuliert: ,,Hätte darum der Christ nicht in seinemRücken den Juden stehen, er würde sich, wo er wäre, verlieren. (. . .> EinGott, der nur noch Geist, nicht mehr der Schöpfer, der den Juden seinGesetz gab, ein Christus, der nur noch Christus, nicht mehr Jesus (. . .)tuäre -, sie würden zwar der Vergottung und der Vergötterung nicht mehrden mindesten Widerstand entgegensetzen, aber es wäre auch nichtsmehr in ihnen, was die Seele aus dem Traum dieser Vergottung zurückins unerZöste Leben riefe; sie verlöre sich nicht nur, nein, sie bliebe ver-Zaren” (ROSENZWEIG 1921, S. 446 E).Das bedeutet: Um nicht die Realität verdrängen zu müssen, brauchenwir Christen die Juden. Christen hingegen, die aus dogmatischenGründen der geglaubten Wahrheit mehr Recht geben, tendieren dazu,die Realität zu verdrängen – und sei es auch gewaltsam. Wenn nunJuden die Christen an die Unerlöstheit der Welt erinnern, wächst inChristen der Wunsch, Juden zu verdrängen. Um die Realität missachtenzu können, wurden Juden ausgewiesen oder vernichtet. Je realitätsfernereine christliche Theorie war, desto vehementer griff sie Judenan, um die Wirklichkeit zu bekämpfen. Die Liste der christlichen Länder,die Juden vertrieben haben, ist lang. Sie spiegelt eindrücklich, wie24viele Christen sich gegen die Wirklichkeit zu stellen versuchten, umeiner erdachten Wahrheit zu frönen, wieviele Christen den wirklichenGeschmack am Leben verloren hatten und ihn in einem erdachtenLeben suchten.Die strukturelle Erniedrigung von JudenAuf einer etwas weniger gewalttätigen Ebene stellt sich uns die Frageder strukturellen Erniedrigung der Juden. Vielen Christen ist es nochheute wichtig, sich religiös auf eine höhere Stufe zu stellen als Juden.Das Judentum ist für sie alt, das Christentum neu; das Judentum hatWahrheit verheißen, das Christentum hat Wahrheit erfüllt; die Judenhaben einen Teil des Glaubens erkannt, die Christen besitzen den wahrenGlauben . . . (vgl. oben). Und so liesse sich dieses Zweistufenmodellfortsetzen, wobei die Juden sich rangmässig immer unter den Christenbefinden. Oft erhalten Juden auch Rechte und Privilegien zugesprochen,aber das Eigentliche, das Höhere sollen trotzdem wir Christenerhalten. Das Judentum wird nur als Vorstufe zum Eigentlichen, alsEingangshalle zum Christentum betrachtet.Diese antijüdische Struktur findet sich an vielen Orten christlichenDenkens und Tuns. Speziell schwierig zu verstehen ist sie bei Christen,die sich Juden speziell zuwenden, den sogenannten Philosemiten.Viele ,,Freunde Israels” haben eine spezielle Zuwendung zu Israelund zum jüdischen Volk entwickelt, um sich ihres antijüdischen Weltverständnisseszu vergewissern, Einige religiöse Christen haben im19. Jahrhundert trotz allem Antisemitismus in ihrer Kultur den frühenZionismus unterstützt, denn in ihren Augen bereitet die Sammlungder Juden in Israel das Eigentliche, nämlich die Wiederkunft Christivor. Viele Christen, die sich Juden zuwenden, verbinden damit einechristliche Absicht. In der direktesten Form heißt die Absicht, Judensollen sich taufen lassen. Oder Christen versuchen das ,,Gottesreich” zufordern, indem sie Juden helfen.Es ist ethisch gar nicht leicht, Philosemitismus (die unkritische undvorbehaltlose Unterstützung alles Jüdischen), die hellere Rückseite desAntijudaismus, zu bewerten. In der Schoa haben viele gläubige Christendeswegen Juden geholfen, weil sie damit einer christlichen Weltsichtzum Triumph verhelfen wollten. Ihre Taten waren so viel mutigerund wertvoller als ihre Absicht, dass die Menschen auch heute nochals Beispiele der mitmenschlichen Liebe gelten dürfen, weil sie Judenretteten.Es gibt noch heute Gesellschaften und Vereine, die den christlich-jüdischenDialog fordern möchten, aber den Juden die Verantwortung entziehenund im innersten Kern als Christen unter sich bleiben wollen.Viele christlich-jüdische Bewegungen instrumentalisieren noch heute25Juden, indem sie mit Juden etwas vorhaben, sie aber nicht gleichberechtigteinbeziehen. Auch hier ist noch die alte antijüdische Strukturzu beobachten: die Zuwendung zu Juden und Judentum dient zwareinem positiven Zweck, aber das Eigentliche geschieht im christlichenKreis, dort, wo die ,,religiösen Geheimnisse” geteilt werden.Religiöser Antijudaismus und rassistischer AntisemitismusOft kommt die Frage auf, was religiöser Antijudaismus, was rassistischerAntisemitismus sei. Wo sind die Grenzen zwischen den beidenPhänomenen? Die Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert führtenicht zu einer Auflösung des Antisemitismus. KonterrevolutionäreBewegungen, kirchliche Restaurationsbemühungen und Verschwörungstheorien,die Ängste vor modernen Entwicklungen spiegelten,verbanden sich in neuen antisemitischen Tendenzen. Dies führte zuFeindbildern, die Juden als Verantwortliche für kapitalistische Gesellschaftsentwicklungenidentifizieren wollten (HEINRICH TREITSCHKE,WERNER SOMBART). Auch Bauernerhebungen erneuerten alte antijüdischeVorwürfe in antisemitischen Beschuldigungen. Dies fuhrte nunüber Träume des deutschen Geistes, der in teutonischen Wäldern entstandensei, zu rassistischen Theorien. Juden durften nun wegen ihrer,,rassischen Herkunft” nicht an der als organisch gewachsen undbeständig erfundenen germanischen Kultur und Rasse partizipieren.Gemäss JOSEPH A. COMTE DE GOBINEAU GEssai sur l’inegalite des raceshumaines”, 1853-1855) waren Juden nicht-arisch und orientalisch, alsogemäß ihrer Natur anders geartet. Diese rassistische Weltsicht – diewissenschaftlich jeglicher Grundlage entbehrt und trotz aller sogenanntrassehygienischen Lehren von Hochschulprofessoren ins Reichder menschenfeindlichen Erfindungen und Projektionen gehören -hat später dazu geführt, dass Juden wie Ungeziefer dargestellt und vernichtetworden sind. Eine spezielle Aura erhielt GOBINEAUS Gedankengutin der Rezeption RICHARD WAGNERS.Über Rassetheorien ist eine heute kaum mehr nachvollziehbare Doppelmoralentstanden, die ruhrende Szenen von Nazis als liebendeFamilienväter neben Vernichtungsöfen für Männer, Frauen und Kindermöglich machte. Die Vernichtung von sogenannten Untermenschenwurde in der Nazi-Zeit als Tugend dargestellt, als historische Tat, diegerade als Voraussetzung einer arischen ,,Anständigkeit” angesehenwerden konnte. Juden wurden nun nicht als menschliche Gegnerermordet, sondern wie Ungeziefer industriell vernichtet und verwertet.Gerade deshalb ist heute eine moralische Wertung der Nazi-Verbrechenso wichtig: Es handelte sich um massive Menschenrechtsverletzungenund Mord. Die moralisch richtigen Worte zu verwendenbedeutet, die Totenehre der Opfer zu wahren und den damals so bana-2Glen, ja routinierten Alltag des Grauens zu brechen, indem zumindestnachträglich jede kriminelle und monströse Gewalttat gegen Juden,jeder der Millionen Morde als inhumaner Akt benannt wird.Es gibt sicher Unterschiede in der Entstehung des religiösen Antisemitismusund des rassistischen Antisemitismus, wobei sofort betontwerden muss, dass der rassistische Antisemitismus ohne religiösenAntijudaismus nicht hätte entstehen können. Die inhaltlichen Bereichedes späteren rassistischen Antisemitismus – nämlich Macht- undPlausibilitätsfragen, Verbrechen, sexuelle Phantasien und so weiter -sind alle schon im religiösen Antijudaismus vorgezeichnet und gewalttätigausgelebt worden, Noch heute sind vor allem Menschengruppenfür Antisemitismus besonders anfällig, die sich selber – bewusst oderunbewusst – als parasitär empfinden, dies jedoch nicht zugeben, oderdie ihre Plausibilitätsprobleme nicht eingestehen wollen. Vielleichtsind diese wichtigen inneren Probleme alle mit Machtfragen verknüpft,weshalb auch HORKHEIMER und ADORNO in ihrer Analyse, wasin der Schoa passiert ist, sofort eine – noch heute bestrittene ~ Verknüpfungentdecken müssen: der völkische Antisemitismus der Nazi-Rassisten, die vor allem ihren Selbsthass des Parasiten-Daseins alsfaschistische Herrscher den Juden aufbürdeten, ist direkt verknüpftmit dem christlichen ,,Wiederholungszwang”, den eigenen Unglaubenan die Wirkung des Opfers Christi zu rächen, indem Juden beschuldigtund verfolgt werden.Welches Ideal wäre eine denkbare Gegenwelt gegen Antijudaismusund Antisemitismus? Es wäre vielleicht Glück, und zwar das menschlicheGlück, daran zu glauben, ohne Macht glücklich werden zukönnen: ,,Der Gedanke an Glück ohne Macht ist unerträglich, weil esüberhaupt erst Glück wäre“ (HORKHEIMER/ADORNO 1988 [1944] S. 181).Der christlich-jüdische DialogEs gehört zur Geschichte des christlichen Antijudaismus, dass die Diskussionum Konsequenzen, die die einzelnen Konfessionen aus demchristlich-jüdischen Dialog ziehen möchten, eigentlich erst begonnenhat. Es gibt schon eine stattliche Anzahl offizieller kirchlicher Papiere,die Juden und Jüdinnen formal als Brüder und Schwestern anerkennen.Dieser Wunsch kann nur dann ein ehrlicher Wunsch sein, wennChristen verbindlich auf Judenmission verzichten, das heisst wennChristen Juden wirklich als Juden akzeptieren lernen.Eine instruktive Dokumentensammlung kirchlicher Verlautbarungenaller Konfessionen zum Thema einer Erneuerung der christlich-jüdischenBeziehungen haben ROLF RENDTORFF und HANS HERMANNHENRIX 1988 vorgelegt. Zugleich müssen wir die bedenkliche Beobachtungmachen, dass es auch nach der Schoa eine längere Anlaufzeit27brauchte, bis überhaupt substantiell an diesen Fragen gearbeitet wordenist. Die ersten Vertreter des christlich-jüdischen Dialogs haben persönlichund gesellschaftlich viele Verletzungen einstecken müssen,bis sich der christlich-jüdische Dialog als unverdächtige Bewegunghat etablieren können. Dennoch bleiben wesentliche Fragen offen. Esgibt zum Beispiel Christen, die das jüdische Volk und den Staat Israelim Rahmen eines christlichen Endzeitdramas instrumentalisieren. Sieunterstützen ideell und finanziell jüdische Einwanderer nach Israel,weil sie damit die Wiederkunft Christi begünstigen möchten.Nach der Schoa führte das Erschrecken über die Mitschuld der Kirchenund christlicher Traditionen zu wesentlichen christlichen Neuansätzen.Um von der Judenmission wegzukommen, bemühten sich universitäreInstitute und kirchliche Organisationen um einen Weg der innerkirchlichenAufarbeitung. Dabei werden oft verschiedene Agenden unterschieden,nämlich Themen, die Christen mit Juden besprechen, undThemen, die Christen nur unter sich behandeln. Die Gefahr dieserchristlichen Tendenz ist, dass Christen sogenannten versteckten Agendenfolgen, also wiederum ideelle Absichten als Ziel haben, die sie vorJuden verbergen. Solche ,,versteckte Absichten” reichen von Rollen, dieJuden im christlichen Endzeitdrama zu spielen hätten, bis zu einemzeugnishaften Vorleben eines christlichen Lebens, das auf eine Konvertierungder Juden zum Christentum abzielt. Auch die Unterstützunggewisser politischer Kräfte im Staat Israel kann als versteckte Agendadienen, indem politische Parteien Israels die christliche Prophetenauslegungbestätigen und – gleichsam ohne ihr Wissen – erfüllen. VielenChristen gelang es wegen dieser versteckten Absichten bis heute nicht,Juden und jüdische Gemeinden als gleichberechtigte Partner zu akzeptieren.Zukunftsträchtige christlich-jüdische Begegnungsprojekte hingegenstreben einen offenen und ehrlichen Dialog von gleichberechtigtenPartnern -an. Gleichberechtigte Partner lassen Juden wie Christenihren eigenen Weg in der Welt und vor Gott selber bestimmen. Gleichberechtigungbedeutet auch, einander ein Recht auf Wahrheit zuzugestehen,die auch dann wahr bleiben darf wenn sie mir fremd undverschlossen bliebe.Auf der anderen Seite entdecken Christen bei der Aufarbeitung historischerSchuld ursächliche Verknüpfungen, die nicht nur Intellektuelle,sondern auch Geistliche zu einer Neuorientierung zwingen. Ein jahrzehntelangerProzess in der katholischen Weltkirche zum Beispiel versucht,Versäumnisse und Fehler im Zentrum der Theologie zu benennenund zu ,bearbeiten. Wichtige Schritte in dieser Richtung sindschon getan, aber zu dem grundsätzlichen Bekenntnis, dass nicht nureinzelne Christen versagt haben, sondern die katholische Lehre selbersich schuldig gemacht hat und der Korrektur bedürftig ist, hat sich derVatikan offiziell noch immer nicht durchgerungen. Im gleichzeitigen28Prozess der Heiligsprechung von Edith Stein, einer Nonne, die zuvorvom Judentum zum Christentum konvertiert war und wegen ihrerjüdischen Herkunft von den Nazis ermordet wurde, könnte der Vatikanden Eindruck erwecken, dass er die Option einer christlichen Vereinnahmungdes Judentums weiter unterstützt.Hingegen gibt es einzelne Kirchen verschiedener Konfessionen, diesich mit dem schwierigen Sachverhalt beschäftigen, dass dem materiellenRaub, der Ermordung und industriellen Verwertung der Toten undihres Guts eine theologische Enterbung der Juden, theologisch motivierteEntrechtungen, Verfemungen und Verfolgungen vorangegangensind. Das heisst bevor die Kirchen in der Lage sind, die materiellen undimmatriellen Verbrechen, die in der Schoa begangen wurden, moralischzu bewerten, müssen sie selber die kirchlichen Enterbungen, Verfolgungenund Ermordungen der Juden ,,im Namen Gottes” kritisierenund moralisch überwinden.Ohne den Boden des christlichen Antijudaismus hätten die Nazis nichtdas europäische Judentum als Opfer par excellence aussuchen können.Dafür die Verantwortung zu übernehmen, bedeutet eine theologischeKritik und Neubesinnung im Kern aller christlicher Traditionen Europas.Dies zu leisten vermögen nur Christen, die mit Juden einen offenenDialog als gleichberechtigte Partner pflegen. Es ist schon falschund im Grunde eine antijüdisch strukturierte Frage, wenn wir die,,Rolle” der Juden in Bezug auf das Christentum bestimmen oder wennwir wahre Sätze über Juden formulieren möchten. Eine mitmenschlicheBeziehung kann nur dann entstehen, wenn wir es wagen, mitJuden in aller Offenheit zu leben, das heißt, ihnen endlich das Rechtzugestehen, selbst zu formulieren, wer sie sein möchten, sogar undgerade dann, wenn uns dies möglicherweise nicht entspräche.Zu diesem Wagnis, Mitmensch zu sein, lade ich Sie herzlich ein! DieseEinladung hat auch eine schmerzhafte Seite: Empathie für Anderebedeutet Nachholen von Trauer: ,,Wo kein Truuerprozess stuendet,entivickezt sich auch keine Empathie für andere Menschen . . . die Erinnerung(kann) Trauer wecken zind einen Neuunfang ermöglichen. Liebekann an die Stelle des Todestriebes treten, sublimiert und in produktive,Zebensbejuhende Arbeit umgesetzt werden” (JUDITH S. KESTENBERG, in:BERGMANN et al. 1995, S. 21).29Kleine Auswahlbibliographie:BAECK, LEO. Paulus, die Pharisäer und das Neue Testament. Schocken-Verlag,1938. Nachdruck: Ner-Tamid Verlag, Frankfurt, 1961.BERGMANN, MARTIN S. / Jucovy, MILTON E. / KESTENBERG, JUDITH S. Kinder derOpfer. Kinder der Täter. Psychoanalyse und Holocaust. Frankfurt a. M., 1995.BRÄNDLE, RUDOLF / JEGHER, VERENA. loharmes Chrysostomus. Acht RedengegenJuden. Stuttgart, 1995.DAUM, RABBINER AHRON. Die Feiertage Israels. Frankfurt a.M., 1993.GRAETZ, HEINRICH. Volkstümliche Geschichte derluden. Wien, 1923.GRUNBERGER, BELA / DESSUANT, PIERRE. Narcissisme, Christianisme, Antist?mitisme.Actes Sud, 1997 (eine psychoanalytische Deutung).HAUMANN, HEIKO. Geschichte dw Ostjuden. dtv, 4. erneuerte Auflage, München,1998.HEINEMANN, JOSEPH / GUTMANN, JOSHUA / HERTZBERG, ARTHUR / POLIAKOV,LEON / WEISSMANN, PAUL / HARKABI, YEHOSHAFAT / ELIAV, BINYAMIN. ,,Anti-Semitism”, in: Encyclopaediajudaica, Jerusalem: Keter o.J., 111, S. 87-160.HORKHEIMER MAX / ADORNO, THEODOR W. Dialektik der Aufklärung. PhilosophischeFragmente, Frankfurt a. M., 1988 (0 New York 1944).Kirche und Israel 23, (1998) 1: WOLFGANG STEGEMANN. ,,Gab es eine jüdischeBeteiligung an der Kreuzigung Jesu?“, S. 3-24;NICO RUBELI-GUTHAUSER. ,,Er starb. Und die GeMtaZt seines Todes voiederholtesich”, S. 25-45;CHRISTINA KURTH. ,,Der Prozess Jesu aus der Perspektive jüdischer Forscher.Überlegungen zum Vorwurf der Schuld der Juden am Tod Jesu”, S. 46-58.OSTEN-SACKEN, PETER VON DER. Evangelium und Tora. Aufsätze zu Paulus. München,198%RENDTORFF, ROLF / HENRIX, HANS HERMANN (Hg.). Die Kirchen und das Judentum.Dokumente von 1945-1985. Chr. Kaiser, München, 21989.ROSENZWEIG, FRANZ. Der Stern der Erlösung, 11921, Nachdruck: Frankfurt a. M.,1988.SCHOEPS, JULIUS H. / SCHLÖR JOACHIM (Hg.). Antisemitismus. Vorurteile undMythen 2G Beiträge mit Abbildungen. München, 1995.STEGEMANN, EKKEHARD W. / STEGEMANN, WOLFGANG. Urchristliche Sozialgeschichte.Die Anfänge im Judentum und die Christusgemeinden in dermediterranen Welt. Stuttgart etc., 1995.STEGEMANN, EKKEHARD. ,,Die Stellung Martin Luthers und der evangelischenChristen zum Judentum.” In: Erika W&nzierI (Hg.), Christen undluden inOpenbarung und kirchlichen Erklärungen. Vom Urchristentum bis zurGegenwart. Wien 1988, S. 47-65.ZENGER, ERICH. Das Erste Testament. Die jüdische Bibel und die Christen.Düsseldorf, 31993.,,Erschienen in: Gerhard Naser (Hg.), Lebenswege CreglingerJuden. Das Pogrom von 1933, Bergstreute: Verlag Eppe ‘1999,22000, ISBN 3-89089-057-1“

Written by freundisraels

2010/04/29 um 15:12

Veröffentlicht in Allgemeines

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. Ein sehr guter Artikel…aber eines ist doch wohl klar, das Christentum das mit seiner perversen und sadistischen Mythologie vom Opfertod des EINZIGEN Gottessohnes die Grundlage aller Judenverfolgung und Judenermordung darstellt, MUSS aufgegeben werden…

    Chris Rettenmoser

    2011/03/17 at 13:22


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: